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Wo ist mein Applaus

Vor einigen Monaten erzählte eine Freundin meiner Eltern mir – mit strahlenden Augen – von der Ausbildung ihres Hundes zum Rettungshund. Ich musste mir ein müdes Lächeln verkneifen. Wir sind so deutsch. Nicht einmal unsere Haustiere kommen an einer ordentlichen Ausbildung vorbei. Mit Teilnahmebestätigung und Leistungsbewertung. Ich hatte ...

20.11.2017
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Vor einigen Monaten erzählte eine Freundin meiner Eltern mir – mit strahlenden Augen – von der Ausbildung ihres Hundes zum Rettungshund. Ich musste mir ein müdes Lächeln verkneifen. Wir sind so deutsch. Nicht einmal unsere Haustiere kommen an einer ordentlichen Ausbildung vorbei. Mit Teilnahmebestätigung und Leistungsbewertung. Ich hatte den Mund schon halb geöffnet, aber ihr Gesichtsausdruck hinderte mich daran, meinem Sarkasmus Luft zu machen. Wie stolz sie aussah. Nun gut. Wo ist mein höfliches Lächeln? Das ist eine tolle Sache.


Ich bin freundlich und höre zu. Sie berichtete von allen Bestanteilen und Stufen der Ausbildung, zu denen unter anderem ein Suchtraining gehört. Nach dessen Abschluss soll der Hund in der Lage sein, einer vermissten Person anhand ihres Geruchs und ihrer zwischenzeitlichen Aufenthaltsorte nachzuspüren. Auch nach Stunden und unabhängig davon, wie viele andere Menschen sich an denselben Orten aufgehalten haben. Im Praxistest (Oh Überraschung, die erwartete Leistungserhebung) ging nun das vermeintlich verschwundene Opfer durch die Straßen und Gässchen meiner Heimatstadt und nach einiger Wartezeit wurde der Hund auf die Fährte angesetzt. Er lief, dem Geruch folgend, die Hauptstraße entlang. Schnupperte mal in dieses, mal in jenes Gässchen und kehrte stets wieder auf die Hauptstraße zurück, sobald sich der Geruch an anderer Stelle verlor. Wie ich! Das war mein erster Gedanke.


Nun ist es mit mir noch nicht so weit gekommen, dass ich nach fremden Menschen schnuppernd durch die Gassen laufe. Ich verfolge auch keine Personen. Aber deren Ansprüche. Ihre Rechte und die möglicherweise von ihnen begangenen Straftaten. Und zwar genau so, wie dieser Hund. Jedes Prüfungsschema besteht aus einer Hauptstraße, an deren Ende sich (hoffentlich) die eben genannten rechtlichen Gegebenheiten in Form von Prüfungsergebnissen wiederfinden. Und genau wie der Hund muss man auf dem Weg dahin den einen oder anderen Paragraphen, die eine oder andere Anspruchsgrundlage anprüfen und zurückkehren, wenn sich daraus nichts ergibt. Anders als den Hund erwarten mich am Ende der Straße jedoch keine Glückwünsche und keine Leckereien. Das mit dem höflichen Lächeln ist wirklich schwer. Wo ist eigentlich mein Applaus? Dieser doofe Hund muss für seinen Applaus nicht einmal nachdenken! Und ich?


Mich erwarten nach Jahren des aufopferungsvollen Studiums nur Unverständnis und Spott. „Ach, das Studentenleben – Schlafen und Feiern – das waren noch Zeiten…“, erklären mir Altsemester immer wieder gern und mit dem immer gleichem schwärmerischen Blick. Das „Damals vielleicht“ verkneife ich mir bei solchen Gelegenheiten gern. Wenn auch unter enormen Anstrengungen. Selbst meine Freunde sind keinen Deut besser. Mit einem „Augen auf bei der Berufswahl“ klopfen sie mir auf die Schulter. Das wars. Herzlichen Dank, da geht es mir gleich viel besser und das Wissen um euer tatsächlich aus Schlafen und Feiern bestehendes Leben stärkt meine Moral ungemein. Auch diesen Kommentar verkneife ich mir. Meistens jedenfalls. Schließlich sind sie keine Juristen und können nichts für ihre Unwissenheit. Obwohl – selbst von den studiosus iuris unter meinen Freunden habe ich nicht viel mehr zu erwarten als einen abschätzigen Blick. Mein „Mimimi“ könne ich mir verkneifen, schließlich hätte ich sogar noch einen freien Tag die Woche und außerdem habe Heulen noch niemanden auf einen grünen Zweig gebracht. Stimmt.


Zudem ist meine Situation im rechten Licht betrachtet vielleicht doch gar nicht so düster. Ich habe Menschen um mich, die meine Erfolge mit mir feiern und ich sollte dafür viel dankbarer sein. Kein Applaus für jeden kleinen Schritt. Und mir für jedes durchlaufene Prüfungsschema zu applaudieren würde beinah einen Vollzeitjob ergeben – wer kann das schon wollen? Aber für die großen Schritte. Für die, die wirklich zählen. Dafür meinen liebsten Dank. Der Hund hat die Prüfung im Übrigen bestanden (die Darlegung seiner Leistungsbewertung spare ich mir an dieser Stelle).


Für diesen Erfolg entsende ich meinen Herzlichen Glückwunsch. Und: Applaus, Applaus!


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