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Wir, die verfasste Studentenschaft

Verfasste Studentenschaften werden durch das beharrliche Desinteresse an den Wahlen zu Studentenparlamenten und die umstrittene Erhebung und die fragwürdige Verwendung von studentischen Geldern delegitimiert. Nicht immer die Mehrheit, sondern oftmals die lautstarke Minderheit der Studenten ist ...

14.06.2016
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Verfasste Studentenschaften werden durch das beharrliche Desinteresse an den Wahlen zu Studentenparlamenten und die umstrittene Erhebung und die fragwürdige Verwendung von studentischen Geldern delegitimiert. Nicht immer die Mehrheit, sondern oftmals die lautstarke Minderheit der Studenten ist in den ASten vertreten.

 

Was sich hier anhört wie ein Kampfruf einer konservativen Hochschulgruppe ist tatsächlich ein Statement des Deutschen Hochschulverbandes. So heißt es dort weiter der Deutsche Hochschulverband sieht in der Verfassten Studentenschaft ein Auslaufmodell und lehnt ihre flächendeckende Wiedereinführung ab.

 

Offen gesagt habe ich mir über das StuPa oder die ASta kaum Gedanken gemacht und die zahlreichen E-Mails, die meinen Uni-Account geradezu überschwemmen meist nur quer gelesen. Eine E-Mail bleibt mir jedoch in besonderer Erinnerung. Das Referat für schwule Männer hat einen Aufruf zur Wahl versendet und kurze Zeit später, ich meine einen Tag darauf, eine Art Erklärungsschreiben. In diesem hat man sich dafür entschuldigt, dass der Eindruck eines Zwangsoutings entstanden sein könnte. Bitte was? Scheinbar haben ernsthaft ein paar meiner ungeouteten Kommilitonen angenommen, das Referat wisse über sie Bescheid und daher erhielten sie nun diesen Aufruf. Abgefahren aber schlicht falsch. Natürlich ging der Aufruf an alle Studenten der Universität. Übrigens meine ich mich erinnern zu können, dass die Wahlbeteiligung letztlich bei 22 lag. Nicht Prozent, bei 22 Studenten von 35.000.

 

Und genau das bringt mich wieder zum Thema, dem StuPa. Zunächst habe ich mich wirklich aufgeregt, als ich die Forderung des Deutschen Hochschulverbandes in ihrer Gesamtheit gelesen habe. Haben wir nicht einst für Mitbestimmung an den Universitäten gekämpft? Wir kennen alle die Bilder der engagierten Studenten, die für eine paritätische Mitbestimmung auf die Straße gegangen sind. Oder denken wir an die Alliierten, die die verfasste Studentenschaft mit der Grundidee einer „Schule der Demokratie“ wiedereingeführt und klare Anforderungen daran geknüpft haben.

 

Aber einmal weg von diesem historischen Idealismus sieht die Wahrheit tatsächlich anders aus. Zur Wahl geht kaum jemand. Dieses Jahr waren es - vorläufig - rund 11 % der Studenten. 11 %. Aber ist der Grund wirklich so einfach, wie der DHV zu wissen meint? Beharrliches Desinteresse? Ich glaube das nicht. Es gibt auch ganz praktische Gründe. So musste ich bspw. meinen ausgefüllten Wahlzettel in einen Umschlag stecken, der dann seinerseits in einen zweiten Umschlag gesteckt wurde. Skandalös aus meiner Sicht - begründet oder nicht sei einmal dahingestellt - wurde dieser Umschlag dann mit meinem Namen und meiner Matrikelnummer beschriftet und in die Urne geworfen.

 

Auf meine protestierende Nachfrage hat mir der Wahlhelfer nur abwiegelnd und betont desinteressiert geantwortet, dass dies lediglich der Organisation diene. Die Wahl sei dennoch geheim, schließlich befinde sich ein zweiter Umschlag in dem Beschrifteten. Ich möchte jetzt gar keine juristische Diskussion über Wahlgrundsätze starten, obwohl das in diesem Umfeld bestimmt produktiv wäre. Aber auch noch heute finde ich zumindest die Möglichkeit der Offenbarung meiner Wahl mehr als ungeschickt - so etwas darf nicht sein! Übrigens sahen das auch zahlreiche meiner Kollegen so, die in diesem organisatorischen Rahmen nicht wählen wollten. Die Gesamtheit der Situation wird auch nicht dadurch verbessert, dass man nach erfolgter Wahl ungefragt einen leuchtend roten Stempel in seinen Studentenausweis bekommt, der einen als Wähler kennzeichnet. Für alle.

 

Aber neben diesen Erfahrungen spielt aus meiner Sicht ein weiterer Faktor eine wesentliche Rolle. Die einzelnen Studienfächer werden zunehmend komplexer, die Erwartungshaltung an die Studenten steigt gleichsam mit dem Lerndruck und gerade in Fächern wie Jura oder Medizin stellt sich regelmäßig nach einiger Zeit ein Gefühl der Benommenheit angesichts der zu bewältigenden Stoffmasse ein. Wo soll unter diesen dramatisch veränderten Voraussetzungen gegenüber der 60er und 70er Jahre die Zeit für ein studienparlamentarisches Engagement herkommen? Und sei es nur, die verschiedenen Wahlprogramme zu skimmen.

 

Insgesamt möchte ich dem DHV aber auch nicht gänzlich widersprechen. Studentische Mitbestimmung ist wichtig. Demokratische Erziehung und Betätigung umso mehr. Ob die aktuelle Form, also StuPa und ASten, etc. weise und zeitgemäß ist, wage ich zu bezweifeln.


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