Alle Treffer anzeigen
Dieses Fenster schließen

Warum tust du dir das eigentlich an

Guten Morgen! Im Dunkeln stehe ich in Schlafanzug und barfuß in meiner Küche und höre zu, wie das Kaffeewasser langsam zu kochen beginnt. Mein Lebenselixier. Mit halbgeöffneten Augen starre ich geistesabwesend auf den Bildschirm meines Handys und lese „10 Gründe für das Jurastudium“. Belustigung mischt sich in meine Müdigkeit und ich klicke auf die Anzeige ...

19.01.2017
3 Bewertungen

Guten Morgen! Im Dunkeln stehe ich in Schlafanzug und barfuß in meiner Küche und höre zu, wie das Kaffeewasser langsam zu kochen beginnt. Mein Lebenselixier. Mit halbgeöffneten Augen starre ich geistesabwesend auf den Bildschirm meines Handys und lese „10 Gründe für das Jurastudium“. Belustigung mischt sich in meine Müdigkeit und ich klicke auf die Anzeige. Der Eingangstext spricht vom Schlafmangel, dem Fremdwort Freizeit und kilometerlangen Lernplänen – um nur einige der Leiden eines jeden Jurastudenten aufzuzählen und ich setze gedanklich hinter jedes ein Häkchen. „Warum tust du dir das eigentlich an?“, fragt mich der Text. Ich blicke hinab auf meine kalten Füße und denke wehmütig an mein Bett. Jetzt bin ich aber gespannt.


Menschen helfen. Ein kleines, nicht wenig sarkastisches Lächeln huscht über mein Gesicht als ich überlege, ob ich vielleicht heute noch einen Superheldenanzug bekommen könnte, wenn ich ihn jetzt gleich online bestelle. Ich wäre vorbereitet für den Fall, dass zukünftige Mandanten meine helfende Hand ergreifen und mich für jedes weise Wort aus meinem Mund mit Blumenkränzen krönen. Oh je, so langsam grenzt mein Sarkasmus an Bitterkeit. Die ist in diesem Fall allerdings nicht ganz unbegründet. Der Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit war der Inhalt der ersten Vorlesungen meines Studiums. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollte all den weniger pessimistisch-realistischen Menschen klargeworden sein, dass ein Jurastudium nicht in jedem Fall die perfekte Ausbildungsstätte für die nächste Generation an selbstlosen Rettern der Benachteiligten darstellen dürfte.


In Gedanken noch bei meiner Online-Bestellung schweife ich zum nächsten Punkt. Geld. Und wieder kann ich mir das Lächeln nicht verkneifen. Damit müssten auch die letzten Samariter über eine gewisse Ungereimtheit stolpern. Und selbst wenn nicht, so beweist doch die Realität, dass dieser Grund zumindest für den Großteil der Jurastudenten ein guter zu sein scheint. Ich erinnere mich an die Frage, die ein Freund mir einmal gestellt hat: „Was würdest du tun, wenn du eine Million Euro hättest?“ Ich gehe die Antworten, die ich ihm damals gegeben hatte durch. Oh ja. Leider schenkt mir niemand eine Million Euro. Ich versuche zu überschlagen, wie lange ich voraussichtlich arbeiten müsste, um eine Million Euro zu verdienen. Ich will wieder ins Bett.


Ich richte meine Augen wieder auf dem Bildschirm und beim nächsten Punkt muss ich wirklich fast laut lachen. Kein Mathe. Das ist doch wirklich ein guter Grund um jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe aufzustehen, Tage und Wochen in Bibliotheken zu verbringen und sich abends Fotos von Freunden anzugucken, weil man sonst vergisst, wie die eigentlich aussehen. Kein Mathe. Vielmehr muss ich dazu wohl nicht sagen.


Ich überfliege die restlichen Gründe, kann mir ein kleines bisschen Enttäuschung allerdings nicht verkneifen. Der erhoffte Motivationsschub bleibt aus. Anzüge. Analytisches Denken. Politisch-gesellschaftliches Allgemeinwissen. Diese Dinge würde ich wahrscheinlich selbst in einer Phase voller Liebe für mein Studium nicht als Gründe für selbiges anführen. Und trotzdem stehe ich früh morgens auf und verbringe Tage und Wochen in der Bibliothek. Warum? Eigentlich ist der Grund nicht abwegig. Eigentlich ist der Grund ziemlich logisch. Ich interessiere mich dafür. Jura ist unglaublich vielfältig und spannend und manchmal tut es mir leid, wenn Menschen denken, es wäre trocken, weil sie genau diese Dinge nicht verstehen. Wahrscheinlich ist es am Ende ganz egal, für welchen Grund man sich entscheidet. Wahrscheinlich ist meiner auch nicht der einzig Wahre. Aber er hilft auch morgens im Dunkeln. In der Klausurenphase. Und als Antwort auf die Frage „Warum tust du dir das an?“.


Das Wasser kocht und mein Lernplan wartet auf mich. Was für ein schöner Morgen!


Kommentare

Mein Kommentar
Sie sind nicht eingeloggt
Bitte benachrichtigen Sie mich bei neuen Kommentaren.

Sicherheitskontrolle: Bitte rechnen Sie die Werte aus und tragen Sie das Ergebnis in das dafür vorgesehene Feld ein. *

0 Kommentare zu diesem Beitrag