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Warum ich mein Jurastudium abgebrochen habe

Jura ist ein sehr kompetitives und lernintensives Studienfach. So viel steht fest und wird einem mantrisch von jedem höheren Semester entgegengebracht. Auch die Verwandten und Freunde, die keine Gelegenheit auslassen, mit aufgerissenen Augen die Trockenheit des gewählten Studiums und die wohl erhebliche Stoffmenge mitleidig zu bemerken, sind keine große Hilfe. Die wahren Fallstricke sind ...

14.12.2017
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Jura ist ein sehr kompetitives und lernintensives Studienfach. So viel steht fest und wird einem mantrisch von jedem höheren Semester entgegengebracht. Auch die Verwandten und Freunde, die keine Gelegenheit auslassen, mit aufgerissenen Augen die Trockenheit des gewählten Studiums und die wohl erhebliche Stoffmenge mitleidig zu bemerken, sind keine große Hilfe. Die wahren Fallstricke sind allerdings nicht die Vorurteile gegenüber dem Studium oder dem Juristen im Allgemeinen. Während man Semester für Semester so vor sich hin studiert und versucht, atemlos dem idealtypischen Studienverlaufsplan zu folgen, wird man tatsächlich formell und materiell auf eine sehr intensive Art und Weise mit unserer Rechtsordnung konfrontiert.

Dass Recht und Gerechtigkeit nicht zwingend etwas miteinander zu tun haben, lernt man bereits im ersten Semester. Unser Rechtssystem strebt nun einmal nicht nach dem Glück des Einzelnen, sondern nach einer möglichst präzisen Einordnung und Lösung eines Einzelfalls unter eine abstrakt-generell formulierte Vorschrift, die auf eine Vielzahl von Fällen anzuwenden ist. Dass hier am Ende und im wirklichen Leben, teils recht medienintensiv aufbereitet, dann herauskommen kann, dass „der Mörder“ gar keiner ist und auch kein Totschläger, sondern allenfalls einer, der fahrlässig getötet hat, nicht vorbestraft ist und daher mit einer Geldstrafe davonkommt, ist juristischer Alltag. Während es das Privileg des Nachrichtenzuschauers ist, sich hier zu echauffieren und „diesen Staat“ anzuzweifeln, ist es die Aufgabe des Jurastudenten, brav die Tatbestandsmerkmale zu analysieren, dass Opfer nicht als getöteten Vater, Bruder oder Sohn zu sehen, sondern schlicht als das Tatobjekt. An dieser Stelle brechen die ersten das Studium ab. Sie können sich einfach nicht mit der Nüchternheit „dieser Rechtsordnung“ identifizieren.

Berühmt oder besser berüchtigt ist auch der Bewertungsmaßstab juristischer Prüfungsarbeiten. Jeder kennt inzwischen den Freiburger Studenten, der seine Hausarbeit versehentlich doppelt abgegeben hat und bei dem gleichen Korrektor einmal 5 und einmal 9 Punkt erreichen konnte. Erzähle ich in meinem Freundeskreis, dass meine Hausarbeit, an der ich drei Wochen mit all meiner Geistes- und Herzenskraft geschrieben habe, ein Ergebnis von 9 Punkten (vollbefriedigend) erzielen konnte, begegne ich einem milden Lächeln. Erzähle ich, dass ich damit unter den besten 10 % meines Jahrgangs war, begegne ich Unverständnis. Fakt ist, dass das juristische Bewertungssystem nicht nur nicht die Leistung des Bearbeiters würdigt, es ist auch intransparent. Denn während in anderen Studienfächern Multiple-Choice Aufgaben zu lösen sind und klar nachvollziehbar ist, an welcher Stelle man versagt hat und an welcher nicht, schreibt der Jurastudent ab der ersten Stunde Gutachten als Prüfungsleistung und liefert sich so einer mehr oder weniger nachvollziehbaren Bewertung eines unterbezahlten Korrekturassistenten aus. An welcher Stelle er aber punkten konnte und an welcher er gescheitert ist, bleibt in jedem Falle offen. Hier verlassen uns abermals Kommilitonen und das durchaus nachvollziehbar. Die nicht quantifizierbare Bewertung der eigenen Leistung ist unfair, demotivierend und demoralisierend.

Aber auch die Kommilitonen, die Mitstreiter, machen es einem nicht einfach, sein Studium zu lieben. Der Jurastudent ist ein durchaus kompetitiver Charakter, der von seinen vorhandenen Qualitäten oder zumindest denen, die er sich gerne zuschreibt, überaus überzeugt ist. Jeder Kommilitone lernt den ganzen Tag und die halbe Nacht. Zuhause oder in der Bibliothek. Er löst Fälle, bis die Hand verdorrt und lernt Definitionen, Definitionen, Definitionen. Warum die Durchfallquoten trotzdem bei 40 % liegen und der Durchschnitt einer Prüfungsarbeit zwischen 4 und 6 Punkten variiert? Ich habe es bereits im Absatz oben angesprochen. Auch Lerngruppen dienen oft nur der gegenseitigen Absicherung. In den Phasen der Hausarbeiten werden in den Bibliotheken Lehrbücher versteckt oder ganze Seitenfolgen aus Kommentaren herausgerissen, geschwärzt oder verschmutzt. Es ist unfassbar. Dass man unter diesen Rahmenbedingungen und umgebenen von solchen Menschen nicht Jahre seines Lebens opfern möchte, dürfte mehr als verständlich sein.

Allerdings gibt es auch eine andere Betrachtungsweise. Die Kommentare der Verwandten und Freunde sind zwar mitleidig, mich bauen sie aber auf. Ich finde es toll, von meinem Studium gefordert zu werden und jeden Tag aufs Neue meinen Schweinehund zu bekämpfen. Recht und Gerechtigkeit sind nun einmal zwei verschiedene Begriffe. Warum sollte Recht auch immer Gerechtigkeit sein? Denklogisch müsste ich diese Annahme schon ausschließen, weil Recht etwas Objektives ist, eben etwas Abstrakt-Generelles und Gerechtigkeit ein Ausdruck ist, der inhaltlich allein subjektiv konkretisiert werden kann. Dass das Recht zur Gerechtigkeit verhelfen soll steht auf einem ganz anderen Blatt und jeder, der sich ernsthaft im Studium mit dieser Frage auseinandergesetzt hat stellt fest, dass eben dies das oberste Ziel all unserer Gesetzestexte ist. Außerdem ist es von elementarer Bedeutung, dass wir das Opfer eben nicht als Vater, Sohn oder Bruder betrachten, sondern ganz nüchtern als Tatobjekt. Unsere Gesellschaft ist hysterisch genug und macht es absolut nötig, dass der Kreis der Rechtsverständigen einen Sachverhalt allein nach den Kriterien betrachtet, die ihm das Gesetz und damit das Volk selbst an die Hand gegeben haben. Letztlich lässt sich festhalten, dass der, der sich mit „dieser Rechtsordnung“ nicht identifizieren kann, diese nicht durch den Abbruch seines Studiums auch noch verraten sollte. Gerade eine solch kritische und hinterfragende Person müsste alles daran setzen, seine Examen zu meistern und die aus seiner Sicht unpassende Rechtsordnung an dem wirkungsvollsten Ansatzpunkt, nämlich von innen heraus zu ändern. Unsere großen Denker, wie von Savigny, Feuerbach und deren Kollegen haben es nicht anders gemacht.

In der Tat wirken die Bewertungen der Prüfungsleistungen intransparent. Und auch die Normalverteilung der erreichten Punkte um die Mitte der Notenskala herum darf zweifeln lassen. Aber nur, solange man sich nicht die „Übersetzung“ der Punkte anschaut. 10 Punkte sind eine „über dem durchschnittlichen Anforderung liegende Leistung“. Und sind wir mal ehrlich, wie viele Studenten absolvieren ihre Prüfungsarbeit im wahrsten Wortsinn schon überdurchschnittlich? Eben nicht viele. Bearbeitet werden komplexe Sachverhalte auf die es, wie im wahren Leben, eben kein eindeutiges Richtig oder Falsch gibt. Gefragt ist eine analytische und hochpräzise Auseinandersetzung mit einem Lebenssachverhalt und zu guter Letzt dessen Begutachtung in einer klaren und richtig angewandten Fachsprache. Hier bei sich selbst grundsätzlich eine überdurchschnittliche Bewertung zu vermuten, spricht eher gegen den Bearbeiter als für ihn. Nicht zuletzt ist die 9-Punkte-Marke gerade aus diesen Gründen bereits mit einem Prädikat bedacht.

Und auch unter den bösartigen und segelschuhtragenden Kommilitonen finden sich immer welche, die in der gleichen oder einer ähnlichen Frequenz schwingen, wie man selbst. Das ständige Skandieren der eigenen Lernleistung sollte auch nicht als Angeberei betrachtet werden. Vielmehr muss man hier gütig mitabwägen, dass auch die Kommilitonen leiden und sich selber Mut und Selbstvertrauen zusprechen müssen. Und alles in allem ist es schon ein ganz lustiger Haufen.

Ich studiere inzwischen im 5. Semester und sollte den Titel in „Warum ich mein Jurastudium niemals abbrechen werde“ ändern. Denn so sehr ich es auch hasse und bedaure, so sehr liebe ich es an jedem einzelnen Tag. Es ist ein schönes Gefühl und anders als vermutet und behauptet, wird auch im Jurastudium eine ehrliche, hart erarbeitete Leistung immer auch belohnt und gewürdigt. Verschweigen darf man der Fairness halber aber auch nicht, dass man auch Glück haben muss. Mit den Prüfungsaufgaben, den Professoren und den Kommilitonen. Aber wo im Leben muss man sich nicht - auch - auf das Glück verlassen?


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