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Verlassen Sie den Raum

Verlassen Sie den Raum, Sie haben das Jurastudium nicht verstanden. Dieser Aufforderung zu Grunde liegt ein ganz interessanter Moment, den ich gerne mit euch teilen möchte. In der ersten Stunde der Fortgeschrittenen-AG Strafrecht in diesem Semester betrat der AG-Leiter, selbst promovierter Jurist, mit den strengen Worten den Hörsaal, dass nun ein Einstufungstest geschrieben werde, er absolute Ruhe erwarte und die sodann bearbeiteten Tests umgehend nach vorne durchzugeben seien. Es ist faszinierend wie ...

25.05.2016
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Verlassen Sie den Raum, Sie haben das Jurastudium nicht verstanden.

 

Dieser Aufforderung zu Grunde liegt ein ganz interessanter Moment, den ich gerne mit euch teilen möchte. In der ersten Stunde der Fortgeschrittenen-AG Strafrecht in diesem Semester betrat der AG-Leiter, selbst promovierter Jurist, mit den strengen Worten den Hörsaal, dass nun ein Einstufungstest geschrieben werde, er absolute Ruhe erwarte und die sodann bearbeiteten Tests umgehend nach vorne durchzugeben seien. Es ist faszinierend wie schlagartig sich die Stimmung von siebzig Studenten ändern kann.

 

 

Mithin waren die Fragen durchaus „heftig“, andere eher Standard-Definitionen. Ich selbst habe meinen Test nach ungefähr fünf Sekunden abgegeben, ein paar Kommilitonen taten es mir gleich. Nach ca. 10 Minuten stand der AG-Leiter also vor der Gruppe und skandierte, dass jeder, der jetzt noch schreibe, seine Sachen zu packen hätte und sodann ruhig aber zügig den Raum zu verlassen habe. Wer denkt, dass die Stimmung kurz vor einem Überraschungstest an einem Montagabend nach vier Vorlesungen nicht schlechter sein kann, wurde eines Besseren belehrt. Ich fand es ganz amüsant.

 

Was ist hier eigentlich passiert? Ganz unten auf dem Aufgabenblatt stand unter dem Punkt Bearbeitervermerk sinngemäß: Bitte beachten Sie, dass ausschließlich Frage 8 zu bearbeiten ist. Frage 8 hat lediglich die Punktzahl der letzten Semesterabschlussklausur in StR erfragt. Natürlich musste keiner den Raum verlassen aber die nun folgende Ermahnung des AG-Leiters war heftig und aus meiner Sicht nicht unangebracht. In erster Linie macht einen guten (angehenden) Juristen doch aus, dass er den Sachverhalt – hier den Test – vollständig erfasst, oder nicht?

 

 

Auch bei mir selbst habe ich vor allem in Klausursituationen immer wieder eine Art Duldungsstarre erfahren, sobald der Sachverhalt ausgeteilt war und ich die ersten Zeilen gelesen habe. Egal wie viel man gelernt hat, gefühlt war es für die Falllösung in der Prüfung immer das Falsche. Also fängt man besser an, sein abrufbares Wissen auf das Papier zu bringen, bevor man den Gedanken wieder verliert. Aber das ist natürlich Quatsch. Viel wichtiger ist es, in Ruhe zu lesen, nachzudenken und dann strategisch an die Lösung des Problems heranzugehen. Der erste Schritt ist dabei – wen wundert es – den Sachverhalt mindestens einmal komplett zu lesen und vor allem zu erfassen.

 

 

Ich weiß, das Folgende hört sich idealtypisch an und ich gebe zu, dass ich nicht selten meine liebe Not habe, die Disziplin zu wahren. Aber die Routine, die man zum „angstfreien“ Lösen von Fällen braucht, kann man sich nicht ausschließlich mit dem Auswendiglernen von Definitionen, Meinungsstreits und Prüfschemata aneignen. Ganz im Gegenteil hilft (mir, wenn ich es denn regelmäßig tue) nur das Lernen mit Fällen und das Lösen von Übungsklausuren – über die AGs hinaus. Und damit meine ich nicht nur das Anfertigen von Lösungsskizzen, sondern das ganze Gutachten zu der Fallgruppe. Das ist eine Menge Arbeit aber sie kann auch durchaus Spaß machen und im Übrigen hat das nicht nur den Vorteil, dass man Routine in der Fallbearbeitung bekommt. Beinahe nebenbei prägen sich auf einmal die zahlreichen Standard-Formulierungen (Definitionen, Obersätze, Zwischenergebnisse, usw.) ein, die im Klausurgutachten abgefordert werden und die sich sonst nur so trocken und mühsam erlernen lassen.

 

 

Ich denke nur so gewinnt man das Selbstvertrauen und vor allem die Ruhe, sich in der Prüfungssituation auf das Wesentliche konzentrieren zu können, nämlich die Falllösung. Natürlich ist das keine allgemeingültige Wahrheit, es ist aber ein Ansatz, den es auszuprobieren lohnt.


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