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Tagebuch einer Examenskandidatin - Teil 6

So, das Examen steht kurz bevor, was man an der zeitlichen Distanz dieses Beitrags zum vorigen erkennen kann. Langsam greift eine gewisse „Jetzt ist's eh egal“-Einstellung um sich. Das ist vielleicht besser so, wenn man bedenkt, dass die Alternative heillose Panik wäre. Aber statt ...

29.08.2017
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So, das Examen steht kurz bevor, was man an der zeitlichen Distanz dieses Beitrags zum vorigen erkennen kann. Langsam greift eine gewisse „Jetzt ist's eh egal“-Einstellung um sich. Das ist vielleicht besser so, wenn man bedenkt, dass die Alternative heillose Panik wäre.

Aber statt die Arme in die Luft zu werfen und kreischend im Kreis herum zu rennen, machen wir lieber eine Pause mehr, trinken noch einen Kaffee und essen noch mehr Traubenzucker … Wenn da nicht die gnadenlos lange 16:00 Uhr-Schlange im Café der UB wäre, denn überfüllte Lesesäle produzieren leider auch lange Schlangen in der Mensa und sonst überall, wo es was zu Essen gibt.

Da unser juristisches Seminar mit Eröffnung der neuen UB ersatzlos gestrichen wurde, bzw. in die neue UB hineinverlegt wurde laut offiziellen Stellen, sind ungefähr 300 Sitzplätze weggefallen - Wer hätte schon ahnen können, dass das ein spürbarer Verlust ist?! Besonders jetzt, in Zeiten, wo so gut wie jeder Jurastudent unserer Fakultät aus irgendeinem Grund in der UB zu sein hat (Hausarbeiten, Seminararbeiten, Examensvorbereitung …) ist das Juridikum, der komplette zweite Stock der UB, schon um neun Uhr morgens voll besetzt. An die vorhandenen Tische mehr Stühle zu stellen war auch nur eine Scheinlösung, denn dadurch allein vergrößert sich der Arbeitsplatz ja nicht. Im Gegenteil, zwar können mehr Leute sitzen, aber man hat eben kaum noch Platz zum Schreiben. Und wer um Himmels Willen dachte, dass eine offene Raumaufteilung in einer Bibliothek sinnvoll sei? Wenn einer hustet, hört das das halbe Stockwerk. Dem Architekten würde ich gerne mal was husten.

Die Verantwortlichen der UB sehen keinen wirklichen Handlungsbedarf, obwohl unsere Fakultät schon seit der Eröffnung vor zwei Jahren Sturm läuft. Wahrscheinlich haben sie das Gefühl, dass diese verwöhnten Juragören sich irgendwann wieder einkriegen werden, wenn man sich nur lange genug tot stellt. Letzten Monat lief eine Onlinepetition der Fachschaft wegen des extremen Platzmangels und der Geräuschbelastung, um den Verantwortlichen den Ernst der Lange aufzuzeigen. In der Kommentarspalte fanden sich bald ein paar sehr interessante Aussagen denen man nur zustimmen kann: Dort hieß es unter anderem, dass sich die Uni Freiburg rühmt, Juristen gut auszubilden, was sich insbesondere an den vielen guten Examensnoten und der verhältnismäßig geringen Durchfallquote im ersten Examen zeigt (meist um die 15% statt die üblichen 30%).

Sollte sich nicht sehr bald an der Lernsituation etwas Grundlegendes ändern, kann sich die Uni von solchen Lobeshymnen auf sich selbst verabschieden, denn das Jurastudium hier ist, man muss es leider sagen, auf dem absteigenden Ast. Ohne Repetitorium kann man in Freiburg kaum ins Examen gehen, es sei denn man wusste schon immer mehr als die anderen im Semester, ist überfliegerartig talentiert, sehr organisiert und mutig. Die Ex-o-Rep Kurse sind qualitativ sehr semesterabhängig davon, wer sie gerade hält. Bei einem engagierten Professor hat man Glück, bei einem überforderten Doktoranden darf man nichts erwarten. Letzterer meinte mal zu einem Kurs in dem ich saß sinngemäß: Also, er schreibt jetzt gerade noch seine Doktorarbeit und sei total fertig und gestresst und die Folien für heute konnte er jetzt nicht auch noch vorbereiten. Ja klar, angehender Herr Doktor, es ist ja nur BGB AT- das kommt sicher nicht dran, so ein Randgebiet. Aber ernsthaft: Natürlich ist es nachvollziehbar, dass ein Doktorand manchmal anderes im Kopf hat als Folien vorzubereiten. Aber dann muss man die Lehrstuhlorganisation hinterfragen, wenn man die Examenskandidaten so hängen lässt und Dozenten überfordert. Ich habe aus besagtem Kurs genau gar nichts mitgenommen, denn selbst wenn Folien da waren, standen gerade eine Hand voll Wörter darauf. Die Erklärung des Dozenten war leider auch nur für Dozenten geeignet, als Student konnte ich dem kaum folgen.

Lange Rede - kurzer Sinn: Die einzigen Uni-Veranstaltungen zur Examensvorbereitung, die man in Freiburg gebrauchen kann, sind der Samstags-Examensklausurenkurs und das Fallrepetitorium von Professor Kaiser. Den Rest konnte man bislang leider knicken. Es ist jetzt eine Stabstelle für die Examensvorbereitung eingerichtet worden, an die man sich bei allen Fragen wenden kann. Das ist immerhin schon mal was. Und es gibt jedes Semester eine Hütte für vierzig Leute auf dem Schauinsland, wo an einem Wochenende Schuldrecht wiederholt wird. Das soll auch gut sein, wobei da wohl nur die hingingen, die es eh schon drauf hätten. Naja.

Den Löwenanteil meines Wissens verdanke ich jedenfalls dem privaten Rep und meiner Selbstdisziplin, eben mal ein Skript durchzuarbeiten, wenn man keine Ahnung hat. Das wiederum führt mich zu der Erkenntnis: Wenn es dann soweit ist und ich eines glorreichen Tages mein Zeugnis bekomme, wird das nicht bei der offiziellen Abschlussfeier der Fakultät sein, sondern wahrscheinlich im schäbigen Eingangsbereich meines Studentenwohnheims am Briefkasten. Eine Rede vom Dekan (dessen Namen ich aktuell auch nicht kenne, was wiederum einiges über die Betreuungsqualität an der Uni aussagt), was für grandiose Arbeit die Fakultät an ihren Studierenden leistet, ertrage ich nicht - zu viel Heuchelei und Selbstbebauchpinselung für nichts.

Da tische ich lieber das einzige Gericht auf, was ich gut kann und zumindest ein bisschen speziell ist: Finnische Lachssuppe und lade meine Lieben ein, meinen Abschluss so mit mir zu feiern (wenn es denn so weit kommt/ist).


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