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Tagebuch einer Examenskandidatin - Teil 5

Das Examen rückt immer näher und es gibt genügend Gründe sich mal zu fragen: „Warum Jura?“ Denn, sind wir mal ehrlich: Es gibt genügend Gründe sich dagegen zu entscheiden. Warum studiert die Mehrheit Jura? Wegen Geld, wegen Ansehen. Aber kann das schon alles sein? Als Mensch, der nicht nur an die Wahrheit des Offensichtlichen glaubt, müsste da doch noch ...

19.07.2017
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Das Examen rückt immer näher und es gibt genügend Gründe sich mal zu fragen: „Warum Jura?“ Denn, sind wir mal ehrlich: Es gibt genügend Gründe sich dagegen zu entscheiden. Warum studiert die Mehrheit Jura? Wegen Geld, wegen Ansehen. Aber kann das schon alles sein?


Als Mensch, der nicht nur an die Wahrheit des Offensichtlichen glaubt, müsste da doch noch mehr sein. Warum gibt es Völkerrecht? Warum wurde es auch Kriegsrecht genannt? Und die ganzen NGOs, Berufsverbände, Gewerkschaften. Auch sie brauchen Juristen. Da gibt es Ikonen wie Amal Clooney, die Menschenrechtsanwältin, die eigentlich dazu inspirieren könnten, etwas wirklich Großes mit unserem Studium anzufangen.


Mit Jura kann man tatsächlich die Welt verändern. Hört sich kitschig an, ist aber so. Vielleicht nicht immer so direkt und unmittelbar das einzelne Schicksal, wie eine Krankenschwester oder ein Arzt beim Roten Kreuz in Krisengebieten oder bei den „Ärzten ohne Grenzen“. Aber ja, es gibt auch die „Anwälte ohne Grenzen“.
Vielleicht ist für Juristen sogar beides möglich: Den Ruhm zu ergattern und das Gute und Richtige. Denn jemand, der bei UNICEF arbeitet, wird wohl ähnlich respektabel sein, wie der bei der transatlantischen Großkanzlei. Natürlich sollte man sich keine Illusionen machen, dass Jobs bei NGOs nicht frei von politisch fragwürdigen Manövern sind, oder dass die Entscheidungen immer gut und richtig sind. Aber die Intention, die hinter dem eigenen Tagwerk steckt ist der Anfang und kann zu etwas Großartigem werden. Nelson Mandela ist schließlich auch nicht eines Morgens aufgestanden und hat gesagt: „So, ich werde jetzt die Apartheid abschaffen“. Im Gegenteil. Er hat einen großen Teil seines Lebens dafür gekämpft, ging für seine Vorstellungen sogar ins Gefängnis und dann? Wurde er zum ersten demokratischen Präsidenten von Südafrika. Steter Tropfen höhlt den Stein. Er hat die Welt im Großen verändert.


Nicht ganz so bahnbrechend, aber vielleicht etwas lebensnaher war ein Anwalt, bei dem ich zum Praktikum war. Er hat mit seiner Arbeit wirklich Gutes getan für die, die es am meisten gebraucht haben. Und manche würden sagen, gerade diese hätten es am wenigsten verdient. Er war Strafverteidiger. Er hat das Prinzip, als Element der Rechtspflege tätig zu sein, zutiefst verinnerlicht und er wollte dem Rechtsstaat dienen. Er war keiner dieser leicht zwielichtigen Typen, bei denen man nie sicher sein kann, ob sie das Unrecht ihrer Mandanten nicht doch einfach nur herunterspielen wollen. Außerdem war er in seiner Freizeit in der Prävention und Rehabilitation tätig. Kurzum: Er wollte die Welt ein kleines Stück besser machen, in dem er Menschen zurück in ein bürgerliches Leben half.


Und darum geht den meisten von uns eigentlich kaum noch. Das richten, was verkehrt läuft, sollen immer die anderen, wenn man kein Eigenkapital daraus schlagen kann. Ohne das gewisse Etwas an Eigennutz funktioniert unsere Jurawelt nicht und sei es nur der Vermerk im Lebenslauf, dass man bei RCDS oder den Jusos aktiv engagiert war.


Davon abheben können sich nur zwei meiner Kommilitoninnen: Die eine möchte undefiniert etwas „Gutes“ tun, ohne je genau benannt zu haben was; aber auf die Grundeinstellung kommt es doch an, oder? Eine andere Freundin möchte Arbeitnehmer vertreten. Dabei vielleicht in Organisationen die Arbeitnehmerrechte kollektiv vertreten. Ich hoffe, die Verantwortlichen dort sind klug genug, sie nicht abzuweisen.


Tja und dann steh ich da und weiß mit diesen Erkenntnissen nichts Konkretes anzufangen. Jedoch sicher ist die Feststellung: Unsere Freiheit und unsere Privilegien dürfen nicht ungenutzt bleiben, denen die weniger Glück hatten als wir, zu etwas mehr zu verhelfen.

 


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