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Tagebuch einer Examenskandidatin - Teil 4

So, liebe Leute, es ist mal wieder Zeit sich zu empören. Worüber? Nach diesem Beitrag auf fudder.de bleiben keine Fragen offen: ... Die Kurzfassung: Ein Jurastudent an meiner Fakultät in Freiburg hat aus Termingründen, weil er glaubte, die Abgabefrist per Post nicht einhalten zu können, die gleiche Hausarbeit zwei Mal eingereicht

03.07.2017
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So, liebe Leute, es ist mal wieder Zeit sich zu empören. Worüber? Nach diesem Beitrag auf fudder.de bleiben keine Fragen offen: https://fudder.de/wie-ein-freiburger-jurastudent-fuer-dieselbe-hausarbeit-verschiedene-noten-bekam--138698380.html

Die Kurzfassung: Ein Jurastudent an meiner Fakultät in Freiburg hat aus Termingründen, weil er glaubte, die Abgabefrist per Post nicht einhalten zu können, die gleiche Hausarbeit zwei Mal eingereicht (mit Hinweis des verantwortlichen Lehrstuhls darauf, dass seine Arbeit zwei Mal vorliegen wird). Er hat also natürlich nur eine Korrektur erwartet, aber bei der Rückgabe trotzdem zwei bekommen. Einmal mit fünf und einmal mit neun Punkten bewertet - Was soll das?

Wie wir ja alle wissen, ist man mit neun Punkten der König, mit fünf musst du nicht groß was wollen. Zwischen den Noten liegen also Welten, wenn man sich auf Praktika oder Hiwistellen bewerben will. Dass die inhaltlich gleiche Arbeit also so drastisch unterschiedlich bewertet wird, kann also nicht viel mit objektiver Leistungsbewertung zu tun haben.

Man hört solche Geschichten immer wieder, aber selten ist es so offensichtlich und nachweislich wie hier. Bei unseren Probeklausuren vom Examensklausurenkurs haben zwei Bekannte von mir sich bezüglich der Lösung abgesprochen, also auch inhaltlich dasselbe geschrieben, wenn natürlich auch jeder in seinem Stil, was auch Notenunterschiede hervorrufen kann. Die eine hatte am Ende vier Punkte, die andere elf. So viel dazu.


Und manchmal muss man den Korrekturassistenten auch hinterfragen: Mir wurde einmal angekreidet, den Verdachtsstörer gäbe es nicht. Das ist jedoch die Mindermeinung. Nach der von mir vertretenen herrschenden Meinung, gibt es ihn durchaus. Danke also, lieber Korrekturassi.


Ein anderes Mal bekam ich ganze zwei Punkte, weil der Korrekturassistent mit meiner Subsumtion nicht zufrieden war. Es ging um Totschlag und ich habe geschrieben, Tathandlung und Taterfolg lägen vor. Das hat ihm ja so gar nicht gefallen. Ich hätte wohl schreiben sollen: „B hat A erstochen. A ist tot“ Mein damaliger Repetititor, der damals auch Unimitarbeiter war und diese Klausur sogar auch als Korrektor mitkorrigiert hatte meinte, das wäre einfach nur sinnlos und mein Korrektor hätte wohl ein Trauma. Meine Klausur hätte sehr wohl den Anforderungen genügt: Die Arbeit war also jedenfalls bestanden.


Eine andere Geschichte handelt von einer Hausarbeit zum Großen Öff, die vom Korrektor mit sagenhaften 14 Punkten bewertet wurde. Dann hat die damals verantwortliche Professorin drüber geschaut und locker elf Punkte abgezogen. Am Ende stand also eine drei drunter und der Student ist durchgefallen. Dazu muss ich allerdings sagen, dass ich diese Geschichte nur über einige Ecken erfahren habe - also keine Gewähr für nichts. Aber das war auch so ein Aufreger an der Fakultät.


Wenn in unserem Fach bei der Leistungsbewertung also noch mit objektiv messbaren Kriterien herumhantiert wird, würde es mich wirklich wundern. Das ist Willkür und nichts anderes. Studiengänge, bei denen es auf den Rechenweg ankommt, um objektive Fakten und Tatsachen oder auch nur darum, das Kreuz an der richtigen Stelle zu machen, sind wirklich zu beneiden und unserem gestörten Fach vorzuziehen.


An Tagen wie solchen, versteht man die Welt nicht mehr und platzt fast vor Ärger, ob der Ungerechtigkeit von allem. Schließlich geht es schon bei Scheinnoten um Praktikumschancen, die wiederum sehr wertvolle Connections fürs Ref und die weitere berufliche Zukunft sind. Sonst sind wir nur studierte Abiturienten.


Und dann gibt es noch die von uns, die in den kleinen Scheinen am Anfang neun/zehn Punkte einsammeln und sich die Welt darauf einbilden und aufhören mit Leuten zu sprechen, die vielleicht „nur“ sechs Punkte hatten. Als wären sie die besseren Menschen. Natürlich pusht eine so gute Note gleich am Anfang das Selbstbewusstsein, dann besorgt man sich noch den Vorsitz der örtlichen ELSA-Gruppe und sieht sich sowieso schon als Partner bei Freshfields. So sieht eine Hybris sondergleichen aus - in bester Gesellschaft mit Kohlhaas. Heinrich von Kleist hätte seine liebe Freude daran gehabt. Und wir wissen alle wie Kohlhaas Geschichte geendet hat: tragisch.


Damit muss man letztlich sagen, dass unser komischer Studiengang zum großen Teil vom Glück abhängig ist. Auch das Examen selbst, wie ich schon mal geschrieben habe: zumindest 30%. Der Rest ist im Examen körperliche Gesundheit, psychische Verfassung und dann auch noch ein bisschen Können.


Daher sollte man sich nicht über die Zahl definieren, die unter der Arbeit steht. Weder, bei einer schlechten, noch bei einer guten Note. Das ist wirklich schwer und auch ich selbst bilde mir viel zu viel auf meine Noten ein und mache so meine Stimmung von meinen Probeklausurnoten abhängig. Denn so denke ich in der einen Woche: „Oh Gott, das schaff ich doch eh nie. Hat doch eh alles keinen Sinn“ und in der nächsten: „Läuft, schaff ich alles schon irgendwie“. Schon alleine diese Stimmungsschwankungen sind so anstrengend, dass wahrscheinlich jede Schwangere und jeder manisch Depressive ausgeglichen wirkt im Gegensatz zu mir.


Wenn ihr also noch in den unteren Semestern seid: LAUFT!
Wenn nicht: Viel Glück!


PS: Um sich nicht exzessiv von Noten definieren zu lassen, muss man sich überlegen, wer man als Mensch ist, nicht als Jurist. Gerade als Examenskandidat ist das wichtig, denn man ist irgendwann nur noch Jurist, weil man alles durch die Jurabrille sieht: Jemand sagt „Hey, das war aber Absicht!“ und du denkst sofort: „Nein, das war kein überwiegendes Wollen-Element also auch nicht dolus directus ersten Grades“


Alle anderen Interessen, die Menschen so haben können, gehen daneben irgendwie unter.


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