Alle Treffer anzeigen
Dieses Fenster schließen

Tagebuch einer Examenskandidatin - Teil 2

08.06.2017
Jetzt bewerten!

Hallo liebe Leute,


nach dem letzten Eintrag, der zugegebenermaßen etwas düster war, auch wenn es harte Realität ist, gibt’s heute etwas zum Nachdenken. Ich bin mittlerweile zu folgender Feststellung gelangt: Das Examen ist 30% Gesundheit (körperlich und mental), 30% Können (Dafür die ganze Lernerei) und der Rest ist Glück. Daher kommt als Examensvorbereitung nicht nur das Lernen in Frage, sondern auch Joggen und bedingungsloser Optimismus. Jeden Tag vor dem Einschlafen und immer, wenn einer meiner Freunde daran zweifelt, versichere ich uns stoisch: „Alles wird gut“. Denn eine andere Option gibt es nicht. Übers Scheitern mache ich mir frühestens Gedanken, wenn es soweit ist. Sonst mache ich mir nur zweimal Sorgen.


Neulich habe ich eine Freundin aus den unteren Jura-Semestern getroffen, die mir von einer gemeinsamen Bekannten erzählte, mit der wir bei einer Uni-Gruppe zusammenarbeiteten. Zuvor hatte mir die Freundin eröffnet, das sie für ein Jahr nach China gehen wird. Mein erster Gedanke war: „Krass, China. Wie cool! Ich will auch. Hat die ein Glück.“ Ich muss auch zugeben, dass mich ganz kurz der Neid gepiekst hat, obwohl ich ja selbst im Ausland war. Aber Finnland erscheint mir im Vergleich zu China irgendwie minderwertig.


Und dann sitze ich später wieder oben im Lesesaal über der 587sten Karteikarte und komme ins Grübeln, weil mich meine eigenen Gedanken nerven. Es gibt Leute in meinem Alter und jüngere, die ganz andere Sachen treffen als mich. Wenn ich nur in meiner eigenen Vergangenheit suche, finde ich deren verlorene Kindheiten in Krankenhäusern, die sie dann doch nie verlassen haben. Einen verspäteten Zug am Morgen, weil ein Gleichaltriger sein Leben nicht mehr gesehen hat. Und Studienkollegen, von denen man nur hoffen kann, dass man sie eines Tages doch mal im Gerichtsaal als Parteivertreter trifft und sich denken kann: „Hat der sich also doch wieder hochgekämpft!“. Ihr werdet jetzt denken: „Ja, oh Gott, jetzt kommt wieder diese billige Leier, dass alles auch noch viel schlimmer sein könnte…“. Und manchmal muss ich euch wohl auch zustimmen. Ich bin sicher auch eine von denen, die das bei einem anderen Autor denken würde, wenn sie das liest, während sie sich abzulenken versucht, nachdem die Lösungsskizze mal wieder was anderes gesagt hat, als sie selbst.


Aber zum einen ist das ziemlich ignorant, denn es ist leider so: Es könnte immer noch schlimmer sein und zum anderen sind Momente, in denen man frustriert und panisch ist, meistens nur einen Atemzug lang schlimm. Oder eine schlecht geschlafene Nacht lang, bis man einen neuen Lernplan oder eine neue Lernmethode im Kopf hat, nachdem man sich bei der besten Freundin ausgeheult hat. Wir (fleißigen) Examenskandidaten tuen alles, wirklich alles, um zu bestehen und am besten noch eine akzeptable Note zu bekommen. Irgendjemand muss sie ja bekommen, warum also nicht wir? ;) Also ist objektiv eigentlich alles in Ordnung. Trinkt Beruhigungstee - kann ich sehr empfehlen!


Diese Konfrontation mit dem großen Glück der Freundin, nach China zu können und den schrecklichen Schicksalsschlägen von Bekannten, hat mir vor allem eins klar gemacht: Die Examensvorbereitung ist mehr Privileg als Bürde. Ich darf lernen, weil ich auch das Glück hatte, so weit zu kommen. Es war nicht Können allein, was mich und jeden anderen Examenskandidaten so weit brachte. Es waren auch meine Eltern, die mich, jeder auf seine Art, unterstützten. Es war der Autofahrer, der gerade noch rechtzeitig bremste, als ich mal ohne zu schauen über eine rote Ampel lief. 1.000 winzige Faktoren werden am 14. September dazu geführt haben, dass ich die letzte Klausur im Herbsttermin der ersten Staatsprüfung 2017 geschrieben haben werde.


Und nicht allein das wurde mir geschenkt. Ich durfte sogar ein Jahr nach Finnland und habe dieses faszinierende, wilde Land bereist. Ich bin am Polarkreis gewesen, habe es erlebt, eine Sauna im Wohnheim zu haben und bin über das gefrorene Meer spaziert, als wäre es nichts. Damit kann ich getrost sagen: Mehr geht nicht, wenn man übers Wasser gehen konnte, oder?


Meine ersten Gedanken zum Auslandsjahr meiner Freundin waren nicht in Ordnung ihr gegenüber und vor allem waren sie total vermessen gegenüber allen anderen oder gegenüber dem Schicksal, falls es sowas gibt. Zum ersten Mal in meinem Leben verstehe ich, was Demut bedeutet. Und ich bin dankbar für meine Möglichkeit, mich jeden Morgen über die Leute in der Tram zu ärgern, zu hoffen, dass mein Lieblingsschließfach noch frei ist, mir einen nicht-nasebohrenden Gegenüber im Lesesaal zu wünschen und Abends todmüde ins Bett zu fallen. Und vielleicht gewinne ich auch eines Tages den Kampf gegen meine deprimierende Müslischüssel. Davon habe ich am Ende wirklich noch ein Trauma. Aber all das wird mich nicht hindern. Denn alles ist gut. Und alles wird gut.


Bis bald, eure Fabienne

 


Kommentare

Mein Kommentar
Sie sind nicht eingeloggt
Bitte benachrichtigen Sie mich bei neuen Kommentaren.

Sicherheitskontrolle: Bitte rechnen Sie die Werte aus und tragen Sie das Ergebnis in das dafür vorgesehene Feld ein. *

0 Kommentare zu diesem Beitrag