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Später mal

„Und? Was willst du dann später mal machen?“ Ich befinde mich offenbar noch nicht in einem Stadium meines Lebens, welches man als „später“ bezeichnen könnte und so gehört diese Frage immer noch zu den mir am häufigsten gestellten. Früher klang sie nur etwas anders. Und tatsächlich ist es auch eine meiner Lieblingsfragen. Dafür gibt es zwei Gründe ...

16.03.2018
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„Und? Was willst du dann später mal machen?“ Ich befinde mich offenbar noch nicht in einem Stadium meines Lebens, welches man als „später“ bezeichnen könnte und so gehört diese Frage immer noch zu den mir am häufigsten gestellten. Früher klang sie nur etwas anders. Und tatsächlich ist es auch eine meiner Lieblingsfragen. Dafür gibt es zwei Gründe.

Der erste Grund ist einfach. Ich kenne die korrekte Antwort. Immerhin bin ich eine angehende Juristin und als solche stellen korrekte Antworten die Basis meines Daseins dar. Aus diesem Grund kenne ich die korrekten Antworten auf viele Fragen. Die obige jedoch gehört zu meinen Lieblingsfragen, weil es nicht nur eine, sondern eine begrenzte, aber doch umfangreiche Anzahl an korrekten Antworten gibt. „Richterin“ ist eine. „Staatsanwältin“ auch. Und „Rechtsanwältin“. Obwohl die Fragenden im Anschluss an letztere Antwort meist nur noch wenig Interesse daran zeigen, die Unterhaltung mit mir in irgendeiner Weise zu vertiefen. Der Grund hierfür ist derselbe, wie derjenige, der diese Antworten überhaupt zu korrekten Antworten macht: Sicherheit.

Zum einen natürlich Sicherheit für mich, denn die genannten Berufe sind ja bekanntermaßen immer überproportional gut bezahlt und das gibt meinem Gegenüber die Möglichkeit, ein wohl platziertes, anerkennendes Nicken in die Unterhaltung einzubringen. Zum anderen aber auch Sicherheit für meinen Gesprächspartner. Ich habe ihm in jedem Fall einen Beruf genannt, den er kennt. Und dieser Umstand ist offenbar ein doch sehr rarer. Überhaupt scheint es, als würden die meisten meiner Gesprächspartner sonst nur hippen Studenten zu begegnen. Solchen mit coolen Studiengängen, wie international management oder african studies.

Nach meiner Antwort jedoch kann mein Gegenüber aufatmen und sich das wissende Nicken sparen, mit dem er normalerweise versucht, das große Fragezeichen in seinem Gesicht zu überspielen. Selbstverständlich endet die Sache mit der Sicherheit dort, wo das Wort „Rechtsanwalt“ beginnt. Denn die sind schließlich böse. Das wusste ja schon Shakespeare.

Der zweite Grund für meine Ode an das „Was willst du später mal machen?“ ist vielleicht nicht so offenkundig, dafür aber nicht weniger bedeutsam. Es ist das „später“. Ein ganz und gar unbestimmtes Wort, welches mir in meiner Eigenschaft als Jurastudentin eigentlich missfallen müsste. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Dieses kleine Wort strotzt zwar jeder Definition, eine Abgrenzung hingegen lässt es doch zu. Es bedeutet nicht „Morgen“. Nicht „Übermorgen“. Oder „Bald“. Es bedeutet, dass mir noch ein bisschen Zeit bleibt, bis dieses große und manchmal doch sehr beängstigende Erwachsenenleben mit gepackten Koffern vor meiner Tür steht – bereit zum Einzug. Es bedeutet, dass ich noch ein Weilchen überlegen kann, was ich machen will, bevor ich dann etwas machen muss. Und umso näher ich mir das Erwachsenenleben ansehe, desto mehr scheint dieses „später“ an Schönheit und Bedeutung zu gewinnen.

Bei genauerer Betrachtung wirkt es nämlich nicht mehr wie ein guter Freund oder alter Bekannter, der für ein paar Tage meine Couch in Anspruch nehmen will. Diese Art von Camping passt nicht zum Erwachsenenleben. Schließlich gibt es Hotels. Und außerdem hat mein guter Freund oder alter Bekannter dann einen Job und gar keine Zeit, um auf meiner Couch zu übernachten. Nein. Das Erwachsenenleben ähnelt mehr einem undurchschaubarem Fremden, den man nicht zuletzt aufgrund der Vielfalt seiner Facetten und der Ansammlung von Überraschungen in seiner Hinterhand wohl nie ganz verstehen wird. Nur eines sieht man auf den ersten Blick: Er liebt es, Aufgaben zu verteilen. Und Herausforderungen. Und die Gesichter von Menschen, denen etwas Unerwartetes geschieht. Mit diesem Fremden Freundschaft zu schließen, scheint eine der Aufgaben zu sein, die nur die wenigsten Erwachsenen meistern können.

Ich muss an meine Mutter denken. Sie hat das geschafft. Ihr Kühlschrank ist stets voll, die Wohnung ordentlich. Jedes Kind ist pünktlich beim Klavierunterricht, Turnen und Handball. Papas Hemden sind gebügelt. Jedes Kind hat am Morgen eine gefüllte Brotdose und am Abend gewaschene Kleidung im Schrank. Die Unterrichtsstunden für den nächsten Tag sind vorbereitet und die Klassenarbeiten korrigiert. Sie vergisst nie, den Geburtstagstisch herzurichten oder die Wohnung für Ostern, Weihnachten oder nach den Jahreszeiten zu dekorieren. Jede kranke Kollegin bekommt eine Gute-Besserung-Karte und die Oma einen Muttertagsstrauß. Das Auto ist gewaschen und die Handwerker bestellt. Für jede Freundin gibt es ein Mitbringsel zur Geburtstagsfeier. Am Morgen nach dem Aufstehen hat sie den Kater gebürstet. Ich staune über diese nicht enden wollende Aufzählung und habe den Fremden an der Tür ganz vergessen.

Ich staune darüber, wie all diese Dinge in ein Erwachsenenleben passen können. Ich staune über meine Mutter. Und schließlich geht es mir auf. All meine korrekten Antworten sind eigentlich gar nicht korrekt. Eigentlich gibt es nur eine richtige Antwort. Was ich später mal machen will? Das entscheide ich später.

Was ich mal werden will, wenn ich groß bin? Wie meine Mama.


Kommentare

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3 Kommentare zu diesem Beitrag
Heike Ebersbach kommentiert am 16.04.2018 um 21:38:
Liebe Johanna, was für ein kluges und gleichzeitig schönes statement und was für ein Talent!!! Mehr davon! Wir sind gespannt auf Dein "später mal" und denken so gern an früher zurück, als alles noch "jetzt gleich" sein musste und nichts auf "später mal" verschoben werden konnte ....;-))
Heike Ebersbach kommentiert am 16.04.2018 um 21:37:
Liebe Johanna, was für ein kluges und gleichzeitig schönes statement und was für ein Talent!!! Mehr davon! Wir sind gespannt auf Dein "später mal" und denken so gern an früher zurück, als alles noch "jetzt gleich" sein musste und nichts auf "später mal" verschoben werden konnte ....;-))
Anke Zugehör kommentiert am 29.03.2018 um 07:16:
Danke, Johanna. Das geht mir sehr zu Herzen.