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Prüfungsvorbereitung in 10 einfachen Phasen

Ich habe meine Prüfungen vorbildlich angemeldet, so dass ich noch 6 Wochen Zeit zur Vorbereitung habe, und ich bin entspannt. Völlig entspannt. Denn in diesem Semester wird mich die Prüfung nicht kalt erwischen. Oh nein! In diesem Semester wird alles anders. Ich habe ...

07.02.2017
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Phase 1: noch 6 Wochen
Ich habe meine Prüfungen vorbildlich angemeldet, so dass ich noch 6 Wochen Zeit zur Vorbereitung habe, und ich bin entspannt. Völlig entspannt. Denn in diesem Semester wird mich die Prüfung nicht kalt erwischen. Oh nein! In diesem Semester wird alles anders. Ich habe Puffer. Ich habe in einer nur knapp die Grenze zur Kontinuität verfehlenden Unregelmäßigkeit die Vorlesungen und AGs vor- und nachbereitet. Zumindest manchmal. Aber viel wichtiger: ich habe Zeit. Noch so viel Zeit um Bücher zu lesen. Vorlesungsmaterialien zu sichten. Fälle zu bearbeiten. Schemata zusammen zu sammeln. Definitionen zu lernen. Ja, ich bin entspannt.


Phase 2: noch 5 Wochen
Dass ich in der vergangenen Woche keine Meilensteine hinter mir zurückgelassen habe ist überhaupt nicht schlimm. Ich musste mir schließlich erst einmal über alles klar werden. Und meine Materialienberge ordnen. Prioritäten setzen. Und jetzt kann es so richtig losgehen. Ich starte durch, klappe meine Flügel aus und werde zum Überflieger.


Phase 3: noch 4 Wochen
Ein Lernplan muss her. Nun, es ist natürlich nicht so, als wäre ich bis hierhin überhaupt nicht vorangekommen. Ich habe gelesen. Materialien gesichtet. Fälle bearbeitet. Tatsächlich ist es nur leider so, dass nicht sonderlich viel davon auch in meinem Kopf hängen geblieben ist. Muss ich jetzt anfangen mir Sorgen zu machen? Nein, natürlich nicht. Ist doch alles im grünen Bereich. Und mit einem Lernplan wird es sogar noch besser: Ich werde so effizient arbeiten, dass am Ende noch Zeit übrigbleibt. Ganz sicher!


Phase 4: noch 3 Wochen
Ich sitze am Schreibtisch in einem Chaos aus Lernplänen und wirr ausgedruckten Unterlagen. Ich bin am Boden. Mir fehlt dieses Buch. Dieses ganz bestimmte Buch. So kann ich nicht arbeiten. Wie auch, wenn immer irgendetwas fehlt? Hätte ich es, wäre ich längst fertig mit der Vorbereitung. Aber ohne dieses Buch ist das kaum zu bewältigen. Um nicht zu sagen unmöglich. Besser ich fahre los und kaufe es noch schnell. Ja, das sollte ich tun.


Phase 5: noch 2 Wochen
Ich habe meinen Schreibtisch geordnet. Auf der einen Seite die Lernpläne, chronologisch geordnet nach Tag und Uhrzeit des Entstehens. Auf der anderen Seite ein leicht wankender und beinahe bis zur Decke rankender Stapel neuer Bücher, der mich von oben herab misstrauisch beäugt. Durch seine schiere Präsenz und die damit einhergehende Unverhältnismäßigkeit seiner Größe im Vergleich zu der mir verbleibenden Zeit, scheint er mir nur das Eine mitteilen zu wollen: „Du weißt doch, dass du das nicht schaffst.“ Dass ich innerhalb der nächsten 2 Wochen nicht 50 Bücher lesen und gleichsam deren Inhalt in meinem Kopf festhalten kann? „Was du nicht sagst!“, schreie ich ihn an. Hoffentlich hat mich niemand gehört. Ich verteile die Bücher auf dem Boden. Gleich viel weniger bedrohlich.


Phase 6: Noch eine Woche
Wann ich schlafen gehe? Ha! Schlaf ist doch für die Schwachen. Und außerdem reine Zeitverschwendung. Ich hab Kaffee. Ich brauch keinen Schlaf. Ich sollte schnell mein Bett auf Ebay verkaufen. Was für eine gute Idee! Aber nein, Stopp! Tief durchatmen, bewahre den Fokus. Tief durchatmen. Immer diese Menschen. Platzen einfach mitten in meinen Flow mit ihren dummen Fragen. Schlaf! Meine stundenlang aus Kaffee und Einsamkeit erbaute Festung der Konzentration einfach eingerissen. Schlaf! Tief durchatmen. Fokus bewahren.


Phase 7: Noch wenige Tage
Dass es da draußen immer noch Menschen gibt, die ein ganz normales Leben führen. Als spürten sie meine Anspannung nicht. Als merkten sie nicht, wie meine Weltuntergangsstimmung die Luft verpestet. Ein ganz normales Leben – was bedeutet das nochmal? Egal! Was bedeutet Warenverkehrsfreiheit? Was bedeutet dolus evenutalis? Was bedeutet Gläubigerverzug?


Phase 8: Tag der Prüfung
Mein Spiegel sagt, dass ich nur ein kleines bisschen so aussehe, als hätte man mich heute nach Monaten wieder aus einem Kellergefängnis entlassen. Als hätte ich seit Wochen weder die Sonne, noch ein Bett gesehen. Meine Wohnung liegt nicht im Keller. Ich versuche mein Gesicht zu richten, während sich in meinem Magen langsam ein Unwetter zusammenbraut. Der Zeitpunkt ist entscheidend: Ich darf nicht so früh kommen, dass irgendjemand die Chance bekommt, mich mit Last-Minute-Fragen in den Wahnsinn zu treiben, auf die ich keine Antwort weiß. Ich darf nicht so spät kommen, dass ich nur noch einen Platz am Gang bekomme. Wo die Leute mit den Blasenproblemen immer langlaufen. Und schließlich ist es so weit. Ich sitze auf meinem Platz in der Mitte. Habe festgestellt, dass Kopfhörer erstaunlich viel gegen unerwünschte Fragen tun. Vor mir liegt ein Blatt. Das Unwetter zieht ab.


Phase 9: Nach der Prüfung
Ich wache auf. Mein Handy klingelt. Ist es schon wieder Tag? 46 verpasste Anrufe. Meine ganze Familie hat es mehrfach versucht. Wenn es Tag ist, welcher? Ich habe Nachrichten. Sie wollen wissen, wie die Klausur lief. Ob es so schlimm war, dass ich nicht darüber reden kann. Ob ich noch lebe. „Hmm“, denke ich und falle zurück auf die Kissen.


Phase 10: Resozialisation
Heute bin ich zum ersten Mal wieder ganz von allein aufgestanden. Ich habe meine Telefonate und Nachrichten beantwortet. Hat auch nur ein paar Stunden gedauert. Jedenfalls wissen jetzt alle, dass ich noch am Leben bin. Und ich kann fast schon wieder lächelnd auf die Prüfungsphase zurückblicken. Wie dumm ich doch war. Und so gestresst. Im nächsten Semester wird alles anders. Ich werde Puffer haben. Und Zeit. Und ich werde entspannt sein. Völlig entspannt.


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