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Peking 2017-2018

Zeit ist subjektiv. Mal vergeht sie schneller und mal langsamer. Die letzten Tage vor meiner Abreise aus Deutschland nach Peking fühlten sich quälend lang an und die Vorstellung der darauffolgenden 310 Tage in einem fremden Land ebenfalls. Der erste Tag in Peking machte es nicht besser: Schwüle Hitze, ein langer Tag, Jetlag und eine Menge Bürokratie. Ich muss ehrlich sein ...

06.07.2018
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Zeit ist subjektiv. Mal vergeht sie schneller und mal langsamer. Die letzten Tage vor meiner Abreise aus Deutschland nach Peking fühlten sich quälend lang an und die Vorstellung der darauffolgenden 310 Tage in einem fremden Land ebenfalls. Der erste Tag in Peking machte es nicht besser: Schwüle Hitze, ein langer Tag, Jetlag und eine Menge Bürokratie.

Ich muss ehrlich sein - der Gedanke an einen Rückflug, der huschte schon einige Flimmersekunden durch meinen Kopf. In Peking kannte ich am ersten Tag niemanden. Alles war ein einziger Kontrast zu meinem Leben in Deutschland. Warum hatte ich mir ausgerechnet China ausgesucht? Die Antworten kannte ich, aber sie lagen ganz weit hinten in meinem Bewusstsein. Der erste Tag in China ist sicherlich nicht der Repräsentant eines gesamten Auslandaufenthaltes. Spätere Gespräche mit Freunden aus dem Austauschprogramm stellten heraus, dass der erste Tag in Peking für niemanden ein leichter gewesen ist. Doch danach wird alles anders - besser, viel besser. Mit jeder Bekanntschaft die man schließt, mit jeder neuen Erkundung, mit jeder Alltags-Lehre wird der Dschungel Peking zu dem Zuhause, welches du in jedem neuen Wohnort nach einer Zeit findest.


Zugegeben, der Umzug von Düsseldorf nach Freiburg verlief etwas sanfter, doch im Grunde lassen sich einige Parallelen zwischen Freiburg und Peking finden: Peking besitzt einige Grünanlagen, außerhalb der Stadt gibt es Berge und unzählige Wandermöglichkeiten. In den Sommermonaten ist es unglaublich heiß und im Winter unglaublich kalt. Gefühlt jeder fährt mit dem Fahrrad und trotzdem ist der Verkehr eine Katastrophe. Okay, es hat eine Weile gedauert, diese Gemeinsamkeiten zu finden. Am Anfang scheint nun einmal alles sehr fremd.

Nachdem der Jetlag überwunden war, fing der Austausch erst richtig an. Kurse wurden belegt, Treffen wurden unter den Programmteilnehmern vereinbart, Pekings kulinarische Welt wurde entdeckt. Die Verbotene Stadt bekam einen Besuch, und auch die Mauer, die Altstadt, der Sommerpalast, der Himmelstempel und der Lama-Tempel. Am Ende würde ich all jene Orte mindestens 6 Mal besucht haben, wobei die Schönheit und Magie nie ablässt, sondern viel stärker nach außen wirkt. Eine Fahrradtour durch Peking, Campen auf der Mauer, mit dem Scooter durch die City … All diese Erlebnisse gehen über das typische Touristenprogramm hinaus. Und da liegt der Kern eines Auslandsaufenthalts: Man wird ein Einwohner, ein “Local“, heimisch in einer Stadt, die entgegen aller Gewohnheiten steht.

Ich durfte viel in dem Jahr lernen: Facebook ist überbewertet, WeChat ist überlebenslebenswichtig, wer braucht einen Geldbeutel wenn er ein Handy hat, Wasser trinkt man warm und nicht kalt, Chinesen sind hilfsbereit und herzlich, Karaoke macht Spaß (auch wenn man nicht singen kann), Jurastudenten aus aller Welt sind wie Jurastudenten aus aller Welt, man braucht kein warmes Wasser rund um die Uhr, auch keinen Strom und die Heizung muss im Winter auch nicht immer funktionieren.

Meine Jurakurse haben mir Einblicke ins IT-Recht gegeben, in den weltweiten Börsenhandel, in Investitionsrecht und Schiedsgerichtsverfahren. Alles Rechtsbereiche, in die ich in Deutschland so noch nicht eintauchen durfte. Meine Professoren kamen aus aller Welt, bekannte Koryphäen in ihrem Bereich, die immer bereit waren, amüsante, berührende oder inspirierende Anekdoten aus ihrem (Berufs-)Leben mit uns Studenten zu teilen. Die Lebensgeschichten der chinesischen Professoren hätten als Stoff für Filme reichen können - aber die Geschichten sind wahrscheinlich doch zu gut für Filme. Professor Y. musste während der Kulturrevolution Eisenbahnschienen legen und Professor H. arbeitete in einer Fabrik während seiner Jugend. Professor G. erzählte von nächtlichen Telefonaten mit Warren Buffet und Autorennen mit Elon Musk, die er ohne Führerschein bestritt (mit einem Augenzwinkern verwies er dabei auf seinen Diplomatenpass). Professor C. ist jetzt Justizministerin in Hongkong.

Meine Leidenschaft für Jura wurde in Peking verstärkt, dank Kommilitonen, die diese teilen, Professoren, die diese ermutigen, und neue Wege, die sich mir eröffnet haben. Ich werde mich nie wieder über das Lernpensum für meine Klausuren beschweren, oder über den Druck, der uns während des Studiums typischerweise begleitet. Im Vergleich zu chinesischen Studenten haben wir eine tolle Studienzeit und daneben meist noch Eltern, die einen immer wieder daran erinnern, dass es wichtigeres gibt, als perfekte Studienleistungen und die Universität.

Meine bedeutendste Lektion jedoch hat mir klargemacht, dass ich überall und jederzeit Neues entdecken kann. Es ist nie ausgelernt, und es ist nichts so wie es scheint. Meine Abenteuerlust ist durch Peking keineswegs gesättigt worden, sondern erst richtig aufgeflammt. China wird sicherlich nicht meine letzter Stopp in Asien gewesen sein. Die Tsinghua University und ihr atemberaubender Campus haben meine Zeit in Peking zu einer der wichtigsten und schönsten Zeitspannen meines Lebens gemacht. Ich werde die Sportplätze vermissen, den Park, die Bibliothek und die vielen Cafés. Mir werden meine chinesischen und internationalen Freunde im Alltag fehlen. Genauso lange wie ich gebraucht habe, zu realisieren, dass ich in China lebe, so lange brauche ich auch zu realisieren, dass ich nun wieder in Deutschland bin. Das Jahr ist gefühlt in Sekundenschnelle umgegangen. Alles scheint bereits nach Tagen der Heimkehr so fern. Doch in den wenigen ruhigen Minuten, die ich jetzt habe, da halte ich an den Momenten fest: Gemeinsames Dumplings-Kochen, Filmabende, Abendessen, Ausflüge, lange U-Bahn-Fahrten, verrückte Nachtwanderungen.

Liebe Grüße wieder aus Deutschland!

Eure Maja


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