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Not und Spiele

Von unserem Audimax kann man direkt auf den Käfig vor dem Gorki Theater in Berlin Mitte blicken. Darin drehen vier lybische Tiger ihre Runden, genauso erschöpft von der Hitze wie wir in unserer Zivilrechtsvorlesung. Sie sind Teil der Protestaktion „Flüchtlinge fressen – Not und Spiele“ des Zentrums für Politische Schönheit. Die Aktionskünstler lenken ...

27.06.2016
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Von unserem Audimax kann man direkt auf den Käfig vor dem Gorki Theater in Berlin Mitte blicken. Darin drehen vier lybische Tiger ihre Runden, genauso erschöpft von der Hitze wie wir in unserer Zivilrechtsvorlesung. Sie sind Teil der Protestaktion „Flüchtlinge fressen – Not und Spiele“ des Zentrums für Politische Schönheit. Die Aktionskünstler lenken oft und gern mit aufsehenerregenden Aktionen die Aufmerksamkeit auf Problematiken in Politik und Gesellschaft.

 


In diesem Fall die EU-Richtlinie 2001/51/EG, die im September 2015 durch den § 63 III AufentHG umgesetzt wurde. Sie bestimmt, dass Flugunternehmen, die Ausländer ohne einen Pass oder einen Aufenthaltstitel wie ein EU-Visum in das Bundesgebiet befördern, empfindliche Strafen zahlen müssen. So weit so gut – verständlich, dass die Einhaltung der Pass- und Visumspflicht irgendwie sichergestellt werden muss, um nachvollziehen zu können, wer nach Deutschland einreist. Tatsächlich führt das jedoch nur dazu, dass die Menschen unsichere Wege über das Mittelmeer wählen.

 


Als wir uns das Ganze in der Mittagspause näher anschauen steht eine Kindergartengruppe neben uns. Auf die Frage der Kinder, warum die Flüchtlinge eigentlich nicht einfach mit dem Flugzeug kommen können, hat die Kindergärtnerin keine befriedigende Antwort. Wir stehen daneben und fragen uns, warum wir uns eigentlich so sehr daran gewöhnt haben, dass Flüchtlinge zu Fuß gehen, und auf der Flucht weiteren Gefahren ausgesetzt sind als in ihrem Heimatland. Gehört das einfach zu einer Flucht dazu? Wann ist uns unser Mitgefühl abhanden gekommen? Würden wir nicht ebenfalls in ein Flugzeug steigen wollen, wenn wir in ihrer Situation wären? Warum wird ihnen das nicht zugestanden, was wir für uns selbst in Anspruch nehmen?

 


Gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention dürfen Kriegsflüchtlinge nicht zurückgewiesen werden; das nennt sich Prinzip des Non-refoulement. Dazu müssten sie die EU jedoch erst einmal erreichen. Und das wird durch das Beförderungsverbot verhindert. Gorki-Theaterkolumnistin Mely Kiyak kommentiert: "Nun ist es aber so. Kommen die Flüchtlinge mit dem Boot oder zu Fuß ohne gültige Aufenthaltspapiere an, wird niemand bestraft. Das lässt nur einen Schluss zu. Man spekuliert darauf, dass nicht alle ankommen, die sich auf den Weg machen."

 


Das ist natürlich zynisch gedacht, die gesamte Aktion ist eine einzige Provokation. Die EU und die Bundesregierung als moderne römische Imperatoren darzustellen, und den Überlebenskampf der Menschen auf der Flucht als römische Spiele zu sehen ist drastisch. Das Bundesinnenministerium betitelte die Aktion auch als „zynisch und menschenverachtend.“

 


Dennoch braucht es wohl drastische Bilder um die Menschen aus ihrer Taubheit zu holen. Ich denke, dass die Aktion so das Richtige bewirkt: Sie lenkt die Aufmerksamkeit der Medien auf politische Missstände und schafft so Bewusstsein. Philipp Ruch, der Gründer des ZfpS sagt dazu: „Wir wollen den Menschen für einen kleinen Augenblick den Appetit verderben.“ Mehr als Mitgefühl braucht es nicht, um der Entrüstung Bahn zu brechen und zu merken, welche schrecklichen Auswirkungen dieser Paragraph auf die Flüchtenden hat.

 


Zur gesamten Aktion könnt ihr hier http://kolumne.gorki.de/kolumne-55/ mehr nachlesen.


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