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Morgen fange ich an

Wir sind Jurastudenten. Die, die mit Bootsschuhen und rosafarbenem Polohemd schweigend und mit einem absoluten Fokus in der Vorlesung sitzen. Wir hören den Professoren nicht nur zu. Wir führen einen intellektuellen Austausch mit Ihnen. Unsere Kommilitoninnen tragen Perlenketten und Kostüme, die an Chanel erinnern und wenn nicht ohnehin die ganze Vorlesung am neu glänzenden MacBook Pro mitgeschrieben wird, dann in jedem Falle alles, was von Relevanz für die nächste Klausur ist. Darüber hinaus ist es sehr wichtig, dass wir ...

09.01.2017
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Wir sind Jurastudenten. Die, die mit Bootsschuhen und rosafarbenem Polohemd schweigend und mit einem absoluten Fokus in der Vorlesung sitzen. Wir hören den Professoren nicht nur zu. Wir führen einen intellektuellen Austausch mit Ihnen. Unsere Kommilitoninnen tragen Perlenketten und Kostüme, die an Chanel erinnern und wenn nicht ohnehin die ganze Vorlesung am neu glänzenden MacBook Pro mitgeschrieben wird, dann in jedem Falle alles, was von Relevanz für die nächste Klausur ist.

Darüber hinaus ist es sehr wichtig, dass wir uns vor allem um uns selbst kümmern, denn ein anderer tut dies nicht oder zumindest nicht mit dem nötigen Maß Ernsthaftigkeit. Und da ohnehin kein anderer Studiengang auch nur in die Nähe des Schwierigkeitsgrades und der Komplexität eines Studiums der Rechtswissenschaften kommt, lernen wir unentwegt, pauken Definitionen und leiten uns Aufbauschemata und Tatbestände her.

So viel zu den Klischees, mit denen man als angehender Jurist ständig konfrontiert wird. Zugegeben, ich habe es etwas auf die Spitze getrieben. Aber jetzt mal ehrlich, so kennen wir es doch alle. Während der Feiertage wurde ich wieder in die Defensive gedrängt und durfte neuerlich erklären, dass ich nicht „nur Gesetze auswendiglerne“ und „die gelackten Anzugträger“ mehr machen, als Paragraphen „zu verdrehen“. Und auch unser Grundgesetz ist eine richtige Verfassung, auch, wenn sie eben Grundgesetz heißt. Und ja, das Schirach-Theater war sehr interessant und nein, wir brauchen nicht mehr direkte Demokratie. Es hat schon seinen Sinn und vor allem seine Berechtigung, dass im Grundgesetz „durch Wahlen (1.) und Abstimmungen (2.)“ steht und letztlich Richter und Schöffen über Schuld und Unschuld entscheiden und nicht angetrunkene Theaterbesucher. Stopp. Eigentlich geht es gar nicht um den zweiten Absatz. Es geht um das Bild des Jurastudenten.

Schaue ich mich in einer Vorlesung oder an der Fakultät so um, bedienen maximal fünf Prozent dieses oben etwas übertrieben ausgeführte Klischee. Aber wie so oft im Leben sind es die lauten Minderheiten, die ein Bild prägen. In der Causa Jurastudent mit Bootsschuh trägt diese Minderheit übrigens nicht zu selten zur allgemeinen Belustigung während der Vorlesungen und insbesondere des Professors bei. Ich gebe zu, dass der klassische studicus iuris die ein oder andere Eigenart aufweist, die ihn für den „Kenner“ recht schnell demaskiert. Aber das ist bei anderen Studiengängen ja ähnlich.

Trägt man einen Medizinstudenten auf, das örtliche Telefonbuch auswendig zu lernen, so entgegnet dieser „bis wann“. Stellt man einem Jurastudenten die gleiche Aufgabe, fragt dieser „warum“. So sagt man jedenfalls spöttisch an den Fakultäten. Und ganz falsch ist das nicht. Mich nervt das Klischee vom ewig Lernenden so sehr. Und noch mehr nerven mich meine Kommilitonen, die dieses Bild sehenden Auges aufrechterhalten und ständig skandieren, wie viele Stunden sie nun in der Bibliothek gesessen und gelernt haben. Am Kaffeeautomaten vergeht einem schon die Lust auf einen Kaffee, wenn man hört, wie weit seine „Kollegen“ im Stoff bereits sind, während man selbst gerade verstanden hat, dass es einen Unterschied zwischen ÖRecht II und ÖRecht III gibt. Aber milde lächelnd trinkt man sich mit dem frisch gebrühten Kaffee Mut an und nimmt sich fest vor, nun anzufangen, spätestens morgen. Sechs Wochen vor der Klausur, nachdem die Ich-breche-das-Studium-ab-Phase, in der man in Embryonalhaltung weinend auf der Couch liegt und im Angesicht der eigenen Faulheit, oder sagen wir hier besser Unzulänglichkeit, in Selbstmitleid ertrinkt , rafft man sich dann doch auf und beginnt zu lernen. Und hier, zumindest ist das bei mir so, ist das Zauberwort „strukturiert“. Lernplan, Lerngruppe, Lern-Apps. Und obwohl man auch in den folgenden sechs (+/-) Wochen immer wieder an der eigenen Leistungsfähigkeit zweifelt, ab und an „Ritalin, legal, Hausarzt“ googelt und vom Können der Kommilitonen geblendet wird, wird doch am Ende meist alles gut. Bei mir und ähnlich handelnden Freunden zumindest zweistellig.

Fraglich ist nur, warum die Klausuren trotz aller strebsamen und dauerlernenden Klischee- und Überkommilitonen eine zum Teil durchaus beachtliche Durchfallquote haben. Entweder gibt es also eine signifikante kognitive Randständigkeit unter Jurastudenten oder eine gewisse Flexibilität zwischen dem Wort und der Tat.


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