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Mein Herz brennt

Es gibt Tage, an denen würde ich einigen meiner Kommilitonen am Liebsten das Brett des Karneades reichen, um ihnen so sicheres Geleit über den tiefen See des Selbstmitleids zu gewährleisten. Sie dürften dies dann, um denkintensiven Prozessen aus dem Wege zu gehen, auch ganz für sich allein beanspruchen. Immer wieder höre ich ...

27.04.2017
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Es gibt Tage, an denen würde ich einigen meiner Kommilitonen am Liebsten das Brett des Karneades reichen, um ihnen so sicheres Geleit über den tiefen See des Selbstmitleids zu gewährleisten. Sie dürften dies dann, um denkintensiven Prozessen aus dem Wege zu gehen, auch ganz für sich allein beanspruchen.

Immer wieder höre ich, dass Jura „so trocken“ und „so viel“ sei, „die Klausuren erst“ und vor allem die Hausarbeiten, die unverhältnismäßig arbeitsintensiv seien. Zu sagen, Jura sei „trocken“, ist eine beinahe dümmliche Aussage, die mehr über den Skandierenden selbst, als über das Studienfach aussagt. Ich kenne wirklich auch unter größter Anstrengung meiner Geisteskräfte nicht ein anderes Studienfach, das einen solch immensen Praxisbezug hat oder unsere Welt in einem derart erheblichen Ausmaß gestaltet. Wer Jura trocken findet, hat scheinbar das Wesen der Rechtswissenschaft verkannt. Mehr möchte ich dazu gar nicht sagen, ich rege mich nur wieder auf. Richtig ist hingegen die Erkenntnis, dass es viel zu lernen gibt. Und jeder Professor, der in der Einführungswoche sagt, dass es nur um das Verstehen und keineswegs um das Auswendiglernen ginge, ist hoffnungsloser Optimist oder eben realitätsentfremdet.

Trägt man einem Medizin- und einem Jurastudenten auf, ein Telefonbuch auswendig zu lernen, fragt der Medizinstudent „Bis wann?“, der Jurastudent hingegen „Warum?“.

Am Ende des Tages werden beide ihren Auftrag erfüllen und so geht es vom ersten Semester bis zur zweiten juristischen Prüfung. Die Intensität und Wissensdichte ist enorm und variiert maximal durch die Art des Lernens selbst. Sicher gibt es hier viele gute Ratschläge, die noch öfter diskutiert werden und wurden. Am Ende des Tages bleibt es bei zwei Wahrheiten. Die eine ist die Tatsache, dass es wirklich extrem viel zu lernen und zu verstehen gibt. Die andere Wahrheit ist jedoch, dass letztlich allein die Geisteshaltung des Lernenden selbst bestimmt, welche Qualität das Studium für ihn haben wird. Und das führt mich zu den Hausarbeiten.

Auch hier zunächst ein Zugeständnis. Was uns in dem rechtswissenschaftlichen Studium als Hausarbeit verkauft wird, ist in Wahrheit von der Aufgabenstellung, den Bewertungskriterien und dem Hingabeerfordernis ganz locker mit einer Bachelorarbeit in einigen anderen Studienfächern vergleichbar (ausdrücklich nicht in allen). Und während im besten Fall nach der Abgabe ein überwältigendes Gefühl der Erleichterung den ganzen Körper durchströmt, folgt die Ernüchterung spätestens bei der Besprechung und Ausgabe. Randbemerkungen des Korrektors, wie „super“, „hervorragend subsumiert“, „gut dargestellt“ usw. führen nämlich am Ende des Tages zu 6 bis 8 Punkten. Vielen Dank.

Aber machen wir uns einmal davon frei - auch, weil wir um die völlig absurde Bewertung von juristischen Prüfungsleistungen wissen. Die romantische Vorstellung, dass sich der Jurastudent mit den verschiedenen Rechtsdogmatiken ausgiebig beschäftig, also deren Wesen im Wortsinn studiert, ist eine Fehlvorstellung. Es ist doch viel mehr so, dass wir vom ersten Tag an durch die bereits beschriebene Stoffmenge hindurchgeprügelt werden und rechtzeitig unser hereingeklopptes Wissen wieder herauszubringen haben. Das eigentliche Studieren geht dabei beinahe völlig verloren. Und hier sind wir als Jurastudenten gegenüber den zum Teil völlig verschulten anderen Studiengängen noch privilegiert. Aber zurück zum Thema. Die Hausarbeiten sind die einzige Prüfungsleistung, die dem Begriff des Studiums am nächsten kommt. Ich gehe sogar noch weiter, denn wenn wir ehrlich sind, ist eine Hausarbeit doch etwas Herrliches. Dieses tiefe Eintauchen in eine Materie und das essentielle Verständnis für einen oder im besten Fall mehrere juristische Themenkomplexe, dass man sich über Wochen selbst aneignet. Ganz ohne frontale Belehrung durch einen Dozierenden. Ich genieße die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Beiträgen, Urteilen, Kommentaren und (Lehr-)Büchern wirklich. Und ich finde es toll, sich die Zeit so frei einteilen zu können. Außerdem sind wir im 21. Jahrhundert angekommen und können über unsere Unizugänge beinahe jede der beschriebenen Quellen kostenlos und online nutzen. Auch Kommentare, die ja zu Zeiten von Hausarbeiten sehr beliebt und sehr vergriffen sind. Es ist dieses wissenschaftliche Arbeiten, was ein Studium so studierenswert macht und ich bin froh, dass es die Hausarbeiten gibt. Mein Herz brennt für genau solche Phasen.

Dieses Plädoyer für Hausarbeiten muss aber auch im Lichte der Realität bestehen. Und es ist wirklich ein Graus. Wer seine Zeit nicht weise einteilt, kommt ganz schön ins Schwitzen und was die Professoren erwarten, auf 20 Seiten (und dann natürlich mit einem Drittel Korrekturrand und 1,5 fachen Zeilenabstand) dargestellt zu sehen, mag nach einer Promotion und einer Habilitation einfach erscheinen. Aus der Sicht eines Studierenden ist es zum Teil abwegig und scheint unlösbar. Was mich in solchen Phasen aber wirklich aufregt, sind asoziale Kommilitonen. Johanna hat ganz zutreffend geschildert, wie das Klima in der Bibliothek während einer Hausarbeitsphase ist. Dem ist aber etwas hinzuzufügen. Wie auf wundersame Weise fehlen während solcher Perioden in den Lehrbüchern und Kommentaren immer wieder Seiten. Teilweise bis zu 20 aufeinanderfolgende. Und dies mysteriöserweise an den relevantesten Stellen. Ich rege mich gerade beim Schreiben so sehr darüber auf, dass ich …lassen wir das. Einer Freundin und mir ist das in diesem Semester selbst passiert. Einen bestimmten Themenkomplex aus dem Strafrecht untersuchend, habe ich diese gebeten (ich war zu Hause), mir die Seiten kurz in der Bibliothek abzufotografieren. Es ging um eine Mindermeinung, die jedoch für die Lösungsskizze von elementarer Bedeutung war. Zwar war bei meiner Bekannten die Bereitschaft ungebrochen vorhanden, ist aber an der faktischen Möglichkeit gescheitert. In allen Exemplaren dieses Lehrbuches war eben dieses Kapitel herausgetrennt. Ich konnte es nicht glauben und habe es mir einige Tage später selbst angeschaut. Es war tatsächlich so.

Nun mag einer hervorbringen, dass Jura ein kompetitiver Studiengang sei und das unterstreiche ich für Übungen, AG und Tutorien gerne. Aber ein solches Verhalten darf nicht geduldet werden. Weder von uns Studenten, noch von den Universitäten. Und auch hier brennt mein Herz, denn der, der Bücher zerreißt, verbrennt sie am Ende auch.

Annex

Liebe Maja,

ich habe heute deinen aktuellen Beitrag gelesen. Ich bewundere deinen Mut und deine Sicht auf das Studium und das Leben, hab' eine großartige und spannende Zeit.
Du inspirierst uns.


Kommentare

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1 Kommentar zu diesem Beitrag
Maja kommentiert am 30.04.2017 um 15:14:
Lieber Ben, was für ein toller Blog-Beitrag! Ganz lieben Dank für tollen und ermutigenden Worte im Annex!