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Lingua est animi vultus

15.10.2018
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Das Jurastudium besteht bekanntlich nicht nur aus dem Straf-, Zivil- und Öffentlichem Recht. So muss an beinahe jeder Universität auch aus rechtssystematischen oder rechtsgeschichtlichen Vorlesungen gewählt werden, um sich so ein grundsätzliches Rüstzeug über den Tellerrand hinaus zu verschaffen. Ich habe mich unter anderem für Rechtssoziologie entschieden, einer Vorlesung an der Humboldt Universität,  deren Dozentin neben ihrem Lehrstuhl noch ein Amt als Bundesverfassungsrichterin innehat. Einmal abgesehen von der überragenden Relevanz für grundsätzliche juristische Denkmuster, bietet die oft nur belächelte Rechtssoziologie einen mehrdimensionalen Blick über den kerndogmatischen Horizont des Studiums hinaus und zeigt auf, wie wichtig die inter- und intradisziplinäre Zusammenarbeit vor allem aber deren Fragestellungen sind.

Die Professorin gendert ihre Vorlesungen. Ein anderer Professor, der bei uns öffentliches Recht liest übrigens auch. Aber bei ihr wird dieses Gendern stärker wahrgenommen, weil sich ein nicht unerheblicher Teil der Vorlesungen mit grundsätzlichen und auch ganz konkret auf die Rechtswissenschaft bezogenen iwS feministischen Fragen beschäftig und das triggert nun einmal. Es ist aber auch relevant, weil ein mögliches Untersuchungsfeld der Rechtssoziologie bspw. in der sprachlichen Gewalt gesehen werden kann und der Frage, wie diese sprachliche Gewalt sich auf Straftaten, wie bspw. sexuelle Belästigung und verwandte Delikte auswirken kann.

Nun liegt meine Vorlesung bei ihr schon einige Zeit zurück, wurde mir aber jäh in Erinnerung gerufen. Es gibt ein StartUp, dass sich der Bartpflege für den Gentleman verschrieben hat und hierfür recht hochwertige Produkte und Accessoires anbietet. Und während ich in deren Blog einen Artikel zur perfekten Rasur gelesen habe, ist mir der folgende Satz begegnet: „Tipp 3: Benutze Hilfsmittel. Wie auch in anderen Bereichen hilft ordentliche Schmierung (du kennst das von Frauen und Motoren).“ Mir haftet nun wirklich nicht der Ruf eines stereotypen Feministen an und das finde ich auch gut so. Aber - nicht nur als Jurastudent - bin ich der festen Überzeugung, dass wir Sprache entweder als Werkzeug benutzen können oder als Instrument. Letzteres nicht nur in einem musikalischen Sinne, sondern auch in einem manipulativen - oder weniger konnotiert - einem steuernden Sinn.

Nun mag die Formulierung des Autors sicher nicht rechtserheblich sein und hat auf den ersten Blick auch nichts mit Recht oder Rechtsoziologie zu tun. Aber mit Verlaub gesagt ist sie dermaßen vulgär und primitiv, dass sie es nicht einmal auf die Witzeseite des Playboy geschafft hätte. Auch nicht in den 70er Jahren. Ich empfinde es als Beleidigung und schäme mich fremd, wenn mir nahegelegt wird, dass man Frauen wie Motoren gut zu schmieren hat. Dabei verstört mich einerseits die zu missbilligende Objektisierung, also Gleichsetzung von Frauen und Motoren, aber auch der Terminus „ordentliche Schmierung“ überschreitet die Grenze dessen, was in diesem Kontext sprachlich-sittlich noch billigen ist. Ich kenne so einige Schrauber. Und ich kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass niemand dieser Jungs so sehr vom Leben enttäuscht wurde, dass er sich zu solch einer Formulierung hinreißen ließe. Genug der Polemik.

Das sich hier offenbarende generelle Problem ist nicht der beleidigende Charakter dieses Satzes. Das generelle Problem ist die Herabsetzung einer bestimmten Gruppe von Menschen durch Sprache. Ohne Frage finde ich Formulierungen wie „Geflüchteter“ auf den ersten Blick auch eigentümlich. Aber das Wort sagt eben aus, dass wir es hier mit einem „geflüchteten Menschen“ zu tun haben und reduziert eine Person nicht nur auf seinen Status als „Flüchtling“. So lustig sich eine gegenderte Vorlesung für ein stereotypes Ohr auch anhören mag, sie ist wichtig und schafft ein Bewusstsein. Denn es ist die Sprache, die letztlich unsere Gedanken bestimmt und es sind unsere Gedanken, die unser Handeln bestimmen. Und aus diesem Grund ist es sehr wichtig, sich seine Sprache bewusst zu machen. Und jetzt lehne ich mich mal weit aus dem Fenster. Aber wenn sprachlich eine Frau mit einem Motor gleichgesetzt wird und man bei beidem gleichermaßen für eine gute Schmierung zu sorgen hat, besteht auch die Gefahr, dass rein gedanklich eine sexuelle Belästigung zu einer Sachbeschädigung verkommt.

Sprache hat Wirkung. Und ein antiquiertes und gleichwohl Tag für Tag sprachlich manifestiertes Bild einer bestimmten Personengruppe - hier gerade der Frauen - wirkt und beeinflusst Gedanken und Sichtweisen. Nicht nur die jüngsten medial ausgeschlachteten Ereignisse zeigen, wie sehr wir hier an uns zu arbeiten haben. Auch bspw. in Lawfirms, man denke nur mal an den Linklaters-Skandal, ist die Dunkelziffer an irgendwie mit diesem Denkmuster verbundenen Situationen wohl erheblich. Interessant bleibt in dem generellen Kontext also doch die Frage, wie sehr Sprache den gedanklichen Weg zur Handlung ebenen kann.

Übrigens habe ich dem Pressesprecher des besagten Unternehmens eine kurze Gedankenskizze aufgezeigt und man hat sogleich den entsprechenden Passus gelöscht und mir versichert, hier keine Gefühle verletzt haben zu wollen. Die Ansprache entstamme einer Marketingperiode des Unternehmens, in der man sprachlich an die Studenten der amerikanischen Eliteuniversitäten erinnern wollte. Einmal abgesehen davon, dass es hier nicht um „Gefühle“ geht (!), liegt das Unternehmen auch mit dem angenommenen Duktus der angloamerikanischen Studierendenschaft völlig daneben. Ganz fraglos kann man Universitäten wie Harvard als Streiflichter der intellektuellen Bildungselite der USA verstehen und ganz fraglos - ich spreche aus eigener Erfahrung - ist den dort in Sachen Sexismus und Feminismus durchaus sehr sensibilisierten Studenten ein solcher Sprachgebrauch - zu recht - völlig fremd.


Nehmt eure Sprache ernst!


Addemdum
Eine von mir auf intellektueller und persönlicher Ebene sehr geschätzte Person, mein lieber Freund A. L., hat im Rahmen der Redigierung dieses Beitrages berechtigt auf das Konzept der Hegemonialität hingewiesen und damit einerseits einen Gedankenkern freigelegt andererseits auch gezeigt, wie aktuell sprachliche Fragen interdisziplinär betrachtet werden können und sollten. Nur meinem unvermögenden Wissen iS Geschlechterstudien ist es geschuldet, dass ich diese sehr zutreffende Figuration männlicher Hegemonie hier nicht weiter aufgreifen konnte.


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