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Leseempfehlung: Der Fremde von Camus - Der Prozess von Kafka

Den meisten von uns Jurastudenten fällt es schwer, sich nach einem Tag des Gesetz-/Lehrbücher-Lesens eines Buches anzunehmen. Dabei hat viele von uns die Leidenschaft am Lesen und an der Sprache zu unserer Studienwahl geleitet. Mein sich stetig wiederholender Vorsatz für das „Neue Jahr“ ist es, diese Leidenschaft in den Tiefen juristischer Schemata nicht versinken zu lassen, und sich nach einem Uni-Tag doch noch mit Texten, schwarz auf weiß, auseinanderzusetzen. Das Lesen eines Romans gestalte ich dabei ...

16.05.2017
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Den meisten von uns Jurastudenten fällt es schwer, sich nach einem Tag des Gesetz-/Lehrbücher-Lesens eines Buches anzunehmen. Dabei hat viele von uns die Leidenschaft am Lesen und an der Sprache zu unserer Studienwahl geleitet. Mein sich stetig wiederholender Vorsatz für das „Neue Jahr“ ist es, diese Leidenschaft in den Tiefen juristischer Schemata nicht versinken zu lassen, und sich nach einem Uni-Tag doch noch mit Texten, schwarz auf weiß, auseinanderzusetzen.


Das Lesen eines Romans gestalte ich dabei bewusst unterschiedlich vom Lesen juristischer Texte: Die juristischen Texte lese ich meist in der Unibibliothek oder im Hörsaal – also meist in schlichten geschlossenen Räumen, die etwas modrig riechen. Für einen Roman suche ich mir meist einen legereren Platz: Der Botanische Garten in Freiburg. Jener Botanische Garten ist der friedlichste Ort, den ich kenne. Es sind immer Bänke mit Blick auf die vielen Beete mit Flora und Fauna aus ebenso vielen verschiedenen Ländern frei. Unter den sonst anwesenden Rentnern, die ihren nachmittäglichen Spaziergang im beschaulichen Pflanzenreich absolvieren, bin ich bereits ein bekannter Gast.


Seit Kurzem regelmäßig, steuere ich zielstrebig auf meine „Stammbank“ zu, setze mich hin, und krame meinen Roman hervor, das Portal in eine hoffentlich grundverschiedene Welt als der Alltag. Dabei müssen Romane jedoch nicht vollkommen der Rechtswissenschaft entfliehen, vielmehr können sie ihre wichtigsten Kerne aus ganz anderer Perspektive behandeln. Allen Beispiels voran gehen dabei Werke von zwei meiner Lieblingsautoren des Existenzialismus: Albert Camus und Franz Kafka. Mit ihren Romanen „Der Fremde“ (Camus) und „Der Prozess“ (Kafka) problematisieren beide die Frage der Schuld eines Menschen auf ihre eigene individuelle Weise, jedoch immer zu durch die Metapher eines Strafverfahrens. Die Werke beginnen bereits kontradiktorisch zueinander: Während wir beim „Prozess“ den Protagonisten bereits zu Beginn im Verhör vorfinden, so sieht der Protagonist in Camus’ Klassiker seinem Prozess erst beim Ende des Romans entgegen.


Im Laufe von Kafkas ‚Prozess’ wird der Leser im Unklaren gelassen, welches Verbrechens oder Vergehens sich der Protagonist Joseph K. „schuldig“ gemacht hat, während in Camus’ „der Fremde“ die Tat klar beschrieben wird. Jedoch gibt es eine zentrale Gemeinsamkeit, die beide Werke miteinander verbindet: In den Verhören/Verfahren geht es sowohl bei Kafkas Joseph K. und bei Camus’ Meursault nicht um die Schuld durch die Tat an sich.


Beim „Prozess“ ist es sogar im Allgemeinen fraglich, ob sich der Protagonist überhaupt per Gesetz strafbar gemacht hat. In den Verhören von Meursault vor Gericht wird er nicht über die Vorgänge der eigentlichen Tat, nämlich der Tötung eines Arabers, befragt, sondern beispielsweise über sein Verhalten auf der Beerdigung seiner Mutter. Am Ende werden beide Protagonisten, die von ihrem Charakter her nicht unterschiedlicher voneinander sein könnten, aufgrund ihrer individuellen Schuld durch ihre persönliche Lebensweise und nicht aufgrund einer Verwicklung in einer Straftat zum Tode verurteilt. Das Urteil wird hierbei nicht von einem Gericht im wörtlichen Sinne gesprochen, sondern vielmehr sinnbildlich durch den Charakter Joseph K. selbst oder bei Meursault durch eine Gesellschaft, die sein an den gesellschaftlichen Moralvorstellungen unangepasstes Verhalten verurteilt.


Natürlich handelt es sich hierbei nur um eine Interpretation von vielen möglichen. Das ist das Wertvolle an Romanen:
Sie lassen vielfältige Interpretationen und nicht bloß Subsumptionen zu.

Damit viele Grüße aus Freiburg

Eure Maja


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