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Kampf um Kommentare

Semesterferien. In den Köpfen von Ahnungslosen verbindet sich dieses Wort allzu leicht mit Illusionen wie dem monatelangem Faulenzen im Sonnenschein. Ich bin nicht ganz sicher, wo der Ursprung dieser und ähnlicher Vorstellungen liegt ...

07.04.2017
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Semesterferien. In den Köpfen von Ahnungslosen verbindet sich dieses Wort allzu leicht mit Illusionen wie dem monatelangem Faulenzen im Sonnenschein. Ich bin nicht ganz sicher, wo der Ursprung dieser und ähnlicher Vorstellungen liegt – wahr sind sie jedenfalls nicht. Schließlich sind auch noch Hausarbeiten zu schreiben.


Zugegebenermaßen kann sich selbst das noch ganz idyllisch anhören: Hier und da ein wenig Zeit in der Bibliothek verbringen, sich angeregt mit dem Kommilitonen austauschen, dann und wann ein paar Zeilen zu Papier bringen. Und danach bleibt sicher immer noch genug Zeit zum Sonnenbaden. Problematisch wird das Ganze leider schon bei Punkt eins: ein wenig Zeit in der Bibliothek. In der Bibliothek, in der es nie genug Kommentare gibt. Ein Spaziergang. Die Türen sollen planmäßig um 09:00 Uhr geöffnet werden. Ich stehe seit einer halben Stunde von einer kleinen Menschenansammlung umzingelt davor und warte. Wie die anderen umklammere auch ich einen durchsichtigen Plastebeutel mit meinen Bibliotheksutensilien. Und wie die anderen sehe auch ich wahrscheinlich völlig übernächtigt und schon jetzt gestresst aus.


Ich war zu spät. Alle Plätze in direkter Nähe der Tür waren bereits belegt. Vielleicht kann ich mich unauffällig ein bisschen näher herankomplementieren. Vorsichtig den Fuß ausstrecken. Langsam das Gewicht verlagern. Geschafft. Das sind zwei Zentimeter weniger zwischen mir und der Tür. Das kann alles ändern. Um mich herum versammeln sich immer mehr Menschen. Und wie die anderen achte auch ich akribisch darauf, dass sich keiner vordrängelt. Kurz vor neun. Wir gehen in Startposition. Die Tür geht auf und die nette Dame vom Bibliothekspersonal kann gerade noch zur Seite springen, da stürzen wir auch schon in die Bibliothek.


Die Kommentare stehen in der oberen Etage. Gleich um die Ecke. So schnell es eben möglich ist ohne zu rennen, joggen wir die Treppe nach oben. Natürlich immer noch unter dem Anschein totaler Gelassenheit. ‚Von außen betrachtet muss dieses Spektakel so unglaublich komisch aussehen‘, denke ich gerade noch, da sind wir am Ende der Treppe angelangt. Jetzt gilt es Konzentration zu bewahren und sich die wichtigen Fragen des Lebens vor Augen zu führen. Welche Kommentare brauche ich wirklich dringend? Und wenn ich nur einen davon erkämpfen kann, welcher müsste das sein?


Da ist es, das Regal. Ich springe darauf zu und strecke sogleich den Arm nach einem der oberen Regalbretter aus. Ich greife das Buch und fange schon innerlich an zu jubeln, da stößt mir jemand seinen Ellenbogen in die Rippen. Gute zwei Kilo juristische Fachliteratur rutschen mir aus der Hand und landen zuerst auf dem Kopf des Ellenbogen-Rambos und dann auf dem Boden. Ich sinke auf die Knie und untersuche den Kommentar: Keine Seite ist gerissen, keine Ecke geknickt, er hat überlebt. ‚Da hast du jetzt aber wirklich Glück gehabt‘, denke ich und werfe dem Typen neben mir einen bösen Blick zu, der sich noch immer den Kopf reibt. Zu allem Überfluss hat dieser Zwischenfall den anderen am Regal einen ordentlichen Vorsprung eingeräumt, die allesamt so tun, als würden sie kein zivilisiert geordnetes Leben als Juristen, sondern eine Karriere als Amateur-Wrestler anstreben.


Ich klemme mir also das erste erbeutete Buch unter den Arm und werfe mich zurück ins Getümmel. Mit einigem Schieben und Hindurchmogeln schaffe ich es zurück an die vorderste Linie und kann dem ersten noch zwei weitere Kommentare hinzufügen bevor das Regal endgültig leergeräumt ist. Schlagartig und sonderbar still schleichen nun alle zu den freien Plätzen und breiten ihre Beute demonstrativ vor sich aus. Wer jetzt erst die Räume der Bibliothek betritt kann nicht mehr erwarten als das eine oder andere mitleidige Lächeln. Jedenfalls keine Kommentare.


Am späten Nachmittag raucht mir schließlich der Kopf – ich habe dann und wann ein paar Zeilen zu Papier gebracht - und ich beschließe, dass ein wenig Faulenzen in der Sonne mir vielleicht doch ganz guttun könnten. Ich schaue einen der Kommilitonen an, der sich gerade erst gesetzt hat und frage flüsternd, ob er meine Bücher übernehmen will. In dem Lächeln, das ich als Antwort bekomme liegt so unendlich viel Liebe und Dankbarkeit – zumindest der angeregte Austausch mit den Kommilitonen läuft doch ganz gut.


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