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Jurastudium in Berlin

Ich kann es einfach nicht lassen. Bevor ich mich versehe, liegt mein Finger schon auf dem Bildschirm meines Handys und ein Artikel öffnet sich mit dem Versprechen, mich über die Gründe für mein Dasein als studiosus iuris in der Hauptstadt aufzuklären. Diese romantisch-optimistischen Artikel bilden einen stetig wiederkehrenden, doch immer scharfen Kontrast zu meiner eigenen Weltanschauung und doch ...

19.07.2017
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Ich kann es einfach nicht lassen. Bevor ich mich versehe, liegt mein Finger schon auf dem Bildschirm meines Handys und ein Artikel öffnet sich mit dem Versprechen, mich über die Gründe für mein Dasein als studiosus iuris in der Hauptstadt aufzuklären. Diese romantisch-optimistischen Artikel bilden einen stetig wiederkehrenden, doch immer scharfen Kontrast zu meiner eigenen Weltanschauung und doch – ich beginne zu lesen.


Zunächst werde ich über den Weltmetropolenstatus Berlins aufgeklärt. Es erscheint mir seltsam, dass schon der erste Punkt auf der doch recht kurzen Liste keinen Verbindungspunkt zum Studium als solches zu haben scheint. Dafür offenbart er mir Berlin als Stätte internationaler Begegnungen und Hotspot namhafter Veranstaltungen, wie der Berlin Fashion Week, die mein hübsches Satorius-Täschchen und ich natürlich auch besuchen, wann immer es möglich ist.


Als nächster Punkt nun endlich: Die Universitäten. Und wer schon einmal unter den Linden stehend seinen Blick vom Brandenburger Tor ab- und dem Bebelplatz zugewandt hat, sich die Worte „meine Fakultät“ auf der Zunge zergehen lassend, wird diesem Punkt der Liste ebenso wenig widersprechen wie ich. So oder so ähnlich sicher auch an der FU. Vertreter in nationalen und internationalen Rankings, exzellente Professoren, eine große Auswahl an Schwerpunktbereichen und natürlich die Internationalität – so viel romantischer Optimismus, dem ich nichts entgegensetzen kann. Und dann die interessanten Partneruniversitäten in aller Welt und die Möglichkeit zum Studium im fremdsprachigen Recht. Ich muss zugeben, dieser Punkt kann sich wirklich hören lassen und ich kann den in mir aufkeimenden Stolz kaum mehr unterdrücken als auch die Bibliotheken und diversen Lehrveranstaltungen ins rechte Licht gerückt werden.


Dann muss ich laut lachen und lese den nächsten Punkt zweimal: Bezahlbare Mieten trotz Großstadt. Erinnerungen an meine monatelange Odyssee auf der Suche nach einer Wohnung, deren Mietzins ich mir ohne die Ausübung unaussprechlicher Gewerbe würde leisten können, ziehen an meinem inneren Auge vorbei. Beim Gedanken daran, wie vielen potentiellen Vermietern ich Bewerbungsunterlagen ausgehändigt habe, stellt sich mir noch heute die Frage, wie es sein kann, dass auch nur ein Berliner noch nicht meinen Schufa-Status und die Einkommensverhältnisse meiner Eltern kennt. Und wer hat sie nicht lieben gelernt, die kuscheligen Besichtigungstermine? Nur der Vermieter, mein Freund und ich – und 60 andere Bewerber, die sich aufführen, als würden im hintersten Winkel der Wohnung kostenlos frische Brötchen verteilt.


Doch schließlich und endlich, nach Bewerbungen und Besichtigungen, Studieneinführungen und Umzügen, ob mit dauerhaft belegter Besuchercouch oder dauerhafter Belegung einer Besuchercouch ist es einfach Berlin. Eine Stadt mit sehr vielen Gesichtern, im Studium, wie auf der Straße und beim täglichen Blick aus dem Fenster. Mal Sonne, mal Grau und mal Dunkelgrau. Und wer hiermit gut leben kann, hat zumindest schon zwei gute Gründe für das Studium in Berlin gefunden: das Wetter und einen rational-realistischen Blickwinkel.


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