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Jura – eine Wissenschaft?

Ein Professor für Staats- und Verfassungstheorie hat diese Frage einmal provokativ in den Hörsaal geworfen, als er behauptete, Jura sei keine Wissenschaft, sondern eine Technik - eine Technik um Probleme zu lösen. Und auch mich als Jura-Student beschäftigt ...

14.06.2016
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Ein Professor für Staats- und Verfassungstheorie hat diese Frage einmal provokativ in den Hörsaal geworfen, als er behauptete, Jura sei keine Wissenschaft, sondern eine Technik - eine Technik um Probleme zu lösen. Und auch mich als Jura-Student beschäftigt diese Frage immer häufiger. Ist die Universität etwa kein Ort der Wissenschaft?

 

Schauen wir uns beide Begriffe – Technik und Wissenschaft – ein wenig genauer an: „Mit Wissenschaft ist unter anderem der methodische Prozess nachvollziehbaren Forschens und Erkennens in einem bestimmten Bereich gemeint, der ein begründetes, geordnetes und gesichertes Wissen hervorbringt. Wissenschaft bezeichnet ein zusammenhängendes System von Aussagen, Theorien und Verfahrensweisen, das strengen Prüfungen der Geltung unterzogen wurde und mit dem Anspruch objektiver, überpersönlicher Gültigkeit verbunden ist.“

 

 

Dem Gegenüber steht eine der vielen Definitionen von Technik: „Eine Form des Handelns und Wissens in beliebigen Bereichen menschlicher Tätigkeit.“

 

 

Geht man nach dem Textbild beider Definitionsansätze, würde der Jurist seine Fertigkeit am ehesten der Technik zuordnen - allein der Unterschiede von Textfülle und komplizierten Satzbauten her. Aber dabei will ich es nicht belassen. Es heißt doch nicht umsonst „Rechtswissenschaften“. Und sicherlich wird es den wissenschaftlichen Angestellten und Professoren an den Universitäten auch nicht so ganz passen, wenn man ihr Fachgebiet als etwas Abgeschlossenes, als Werkzeug, als bloße Methodik abstellen würde. Jurastudenten murren manchmal, dass das Argumentieren in Gutachten eine bloße Farce ist, man bloß schon gegebene Theorien und Ansichten nachplappert und alibimäßig gegeneinander aufwiegt, aber am Ende doch der Rechtsprechung oder der herrschenden Lehre folgt. Auch die sogenannten Grundlagenfächer zu Beginn des Studiums geben dem Studenten nur einen kurzen Geschmack davon, die Ursprünge und die Entwicklung unseres Systems zu erkunden.

 

 

Die Rechtswissenschaft scheint wie ein abgeschlossenes System, welches um weitere Normen und Gesetze ergänzt werden, aber nicht mit neuen Erkenntnissen beeindrucken kann. Unser Rechtssystem ist ein Normengerüst, welches im Laufe der Jahrhunderte durch Gesellschaften gebaut und geprägt wurde - nicht aufgrund von Forschung, Erkenntnissen und methodischer Prozesse, sondern durch soziale, politische und gesellschaftliche Entwicklungen.

 

 

In der Tat besteht unser Studium hauptsächlich im Erlernen einer Methodik (grds. dem Gutachtenstil), welche uns den Weg weist, bestimmte Probleme (Sachverhalte) aufzuklären. Trotzdem passt mir der Begriff der Technik nicht so ganz. Eine Technik klingt wie ein Arbeitsmittel, etwas Mechanisches, aus einem natürlichen Prozess sich Entwickelndes. Die Jurisprudenz scheint mehr zu sein. Sie ist ein geschlossenes System, mit unglaublich großer Machtentfaltung.

 

 

Allein deswegen ziehen vereinzelt Wissenschaftler den mutigen Vergleich zur Religion. Wenn man es historisch betrachtet, gibt es einige Parallelen und Anknüpfungspunkte. Die Religion war immer Mittel zur Legitimierung von Macht. Heute ist es das Recht, welches Macht, im Besonderen staatliche Gewalt, legitimiert. Unser Rechtssystem spiegelt zudem eine gewisse Weltanschauung wider. Rechtswissenschaften als Religion zu bezeichnen, scheint allerdings etwas weit gegriffen zu sein, fehlt doch der Glaube an etwas Transzendentes, Überirdisches (darüber lässt es sich streiten: Die Göttin Justitia als immer wiederkehrendes Symbol für Gerechtigkeit & Recht). Dennoch vertritt unsere Rechtsordnung etwas fundamental Gültiges, vielerseits Respektiertes und in unserer Gesellschaft tief Verwurzeltes.

 

 

Die Frage, was die Jurisprudenz jetzt nun ist, oder nicht, kann ich heute leider nicht beantworten. Gleichwohl denke ich, dass es um die Betrachtungsweise geht und was wir aus der Rechtswissenschaft machen: Ein Gebiet, das nach neuen Erkenntnissen erforscht und transformiert werden kann, eine Technik sowie ein Werkzeug um Probleme zu lösen oder doch fast etwas Religiöses.

 

 

Und damit eine schöne Woche noch!

Eure Maja


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