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„In unserem Namen“

Eigentlich wollte ich über den Lerndruck und mein neues Leben in der Bibliothek schreiben, das wohl nicht nur mir zu Kopf steigt – gestern flogen Laptops in der Zentralen Bibliothek in Berlin durch die Luft. Eigentlich ...

01.02.2016
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Eigentlich wollte ich über den Lerndruck und mein neues Leben in der Bibliothek schreiben, das wohl nicht nur mir zu Kopf steigt – gestern flogen Laptops in der Zentralen Bibliothek in Berlin durch die Luft. Eigentlich.

 

Dann habe ich das Stück „In unserem Namen“ im Gorki Theater gesehen und mich mit einem flauen Gefühl im Magen und vielen Fragen im Kopf auf den Treppen des Theaters wiedergefunden.

 


Das Stück, mit Texten aus Aischylos‘ „Die Schutzflehenden“ 1 , Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ 2, der 42. Sitzung des Innenausschusses des Deutschen Bundestages 3 sowie eigenen Recherche-Beiträgen der Schauspieler*innen, wird auf Arabisch, Bosnisch, Farsi, Russisch, Serbokroatisch und Türkisch aufgeführt.
Es schildert eindringlich die tragische Situation Geflüchteter – „Wir leben, wir leben. Und vielmehr ist es auch nicht als Leben, nach Verlassen der göttlichen Heimat“ – ,die ihre Heimat verlassen, aber nicht wirklich ankommen können. Es formuliert aber auch die Herausforderungen, die Richter und Sachbearbeiter in diesem Land jeden Tag zu schaffen machen:
Der Familienrichter, der jeden Tag mit weinenden Menschen umgeht und sich nach den umfassenden Änderungen im Aufenthaltsgesetz und Verschärfungen bezüglich Abschiebehaft und Ausweisung nicht mehr nur einer, sondern drei weitestgehend unverständlichen Ermächtigungsgrundlagen gegenübersieht; mit der Folge, dass er 85-90% der Fehlentscheidungen in Abschiebefällen dem umständlichen, und unverständlichen Gesetzestext zuschreibt.
Der Sachbearbeiter, der beklagt, für jeden Geflüchteten nur 30 Minuten Zeit zu haben und über Schicksale entscheiden zu müssen, fordert eine Tempus-Änderung des Gesetzestextes vom Präsens zum Perfekt, um Flüchtlinge, die über ihre Fluchtgründe oder Herkunft lügen, schneller abschieben zu können.

 


Wie jedoch gehen die Menschen tatsächlich damit um, wenn sie sich auf etwas so Grundlegendes, Beständiges wie den dogmatischen Gesetzestext nicht mehr verlassen können?

 


Sprache, und vor allem das Juristendeutsch, spielt in alldem eine immense Rolle – sie ist nicht nur Interpretationsgrundlage, sondern auch Mittel zum Zweck, dient der Kommunikation und ist erste Voraussetzung für Integration.

 


Wie sollen Flüchtlinge sich ihrer Rechte bewusst werden, wenn selbst ausgebildete Richter sich schwer damit tun, das Gesetz zu interpretieren?

 


Waren die Abgeordneten des Deutschen Bundestags, die den Entwurf im letzten Sommer beinahe unverändert und so gut wie einstimmig verabschiedeten, sich dessen bewusst, welche konkreten Auswirkungen mit diesen bloßen Worten einhergehen? Obwohl Fachjuristen ihre Bedenken äußerten? Und von Flucht Betroffene zu der Anhörung erst gar nicht geladen waren? Das Stück endet mit der Frage: Und was passiert jetzt?

 


Im Foyer herrschte erst einmal Schweigen. Und wir beschlossen, dass wir uns an einen Text von K.I.Z halten -

 


„Denn ich bleibe auch in Zeiten der Krise
Abteilungsleiter der Liebe.
Ich bleibe auch in Zeiten der Krise
Abteilungsleiter der Liebe.“

 


- und nicht wieder mal einfach mit diesem Bauchgefühl nach Hause gehen können und uns an unseren nächsten AG-Fall setzen, sondern uns als Paten für Flüchtlinge melden.

 


So – genug der schweren Kost, und eine gute Woche euch!

 

 

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Schutzflehenden
2 https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Schutzbefohlenen
3 https://www.bundestag.de/blob/376132/771517dadac850b8d6b142c6bb03692e/protokoll-data.pdf , http://www.bundestag.de/mediathek/?instance=m187&action=search&mask=search&contentArea=common&extendedSearch=true&searchword=Innenausschuss&categorie=alle&startDate=01.03.2015&endDate=31.03.2015&fraction=alle&discourser=&forename=&legislativePeriod=alle&conference=&top=


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