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Hetero-Gedanken

Am Sonntag tritt das Gesetz zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts in Kraft. Schon mein Mentoring-Interview war auf eine Weise inspirierend. Ich saß im Homo-Büro meines späteren Mentors, einem promovierten Top-Homo-Juristen und wir haben uns lange über die grundsätzlichen Perspektiven unterhalten, mit denen ein mit Doppelprädikat abgeschlossenes Jurastudium aufwartet. Die Luft in Großkanzleien ist irgendwie anders und ...

28.09.2017
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Am Sonntag tritt das Gesetz zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts in Kraft. Schon mein Mentoring-Interview war auf eine Weise inspirierend. Ich saß im Homo-Büro meines späteren Mentors, einem promovierten Top-Homo-Juristen und wir haben uns lange über die grundsätzlichen Perspektiven unterhalten, mit denen ein mit Doppelprädikat abgeschlossenes Jurastudium aufwartet. Die Luft in Großkanzleien ist irgendwie anders und wer sie selbst einmal geatmet hat, wird verstehen, was ich meine. Inzwischen verstehen wir uns so gut, dass wir öfter mal einen Homo-Hetero-Kaffee trinken gehen und ich habe die Homo-Expertise dieses Mannes nicht nur in juristischen Belangen wirklich schätzen gelernt. Übrigens ist dieser Homo-Jurist auch immer besser gekleidet und wesentlich gepflegter, als die anderen Hetero-Juristen in der Kanzlei und wenn jemand einmal sein Büro neu einrichten oder wissen möchte, wo es in der Stadt den besten Kuchen auf dem schönsten Porzellan gibt, klingelt bei ihm das Homo-Telefon.

Letztens erst habe ich mich über Homophobie mit einer Bekannten unterhalten. Auch sie ist wirklich - und das jetzt einmal frei von jeder Ironie - zumindest subjektiv frei von jedem Vorurteil und würde man ihr Homophobie unterstellen, so täte man ihr Unrecht. Und in dem Verlauf des Gespräches bemerkte sie irgendwann, dass es „so tolle Homosexuelle“ gibt, bspw. Anne Will sei eine tolle Lesbe. Ich ärgerte mich darüber. Wenn ich etwas gut mache, sagt nie jemand: „Ben ist ein toller Hetero“. Oder wenn ich einmal heirate, ist es einfach nur eine Ehe. Ganz selbstverständlich. Aber eben keine „Hetero-Ehe“. Als wirklich gemein empfinde ich jedoch, dass die ganzen Schwulen den guten Geschmack haben und sich ständig in Musicals, Theatern und Cafés amüsieren, mir hingegen nur bleibt, vom letzten Herumgeschraube am Auto ölverschmiert am Schreibtisch zu sitzen und mein Studium voranzubringen.

Und jetzt einmal ganz ehrlich. Wir Deutschen sind dermaßen stolz auf unsere Aufklärung und auf unsere Aufklärer - sapere aude! Und gerade, wenn wir uns einmal dringend von diesem Islam, wahlweise auch diesem Putin oder diesem Erdogan abgrenzen müssen, tragen wir unsere demokratischen, liberalen und gesellschaftlich-pluralistischen Werte streckenweise unverschämt übertrieben in die Welt. Wenn ich höre, dass ein Politiker, der sich ganz aufgeklärt und liberal geben möchte, skandiert, dass man in einer westlichen Gesellschaft eben auch „den Schwulen“ zu tolerieren habe, kann ich nur … sagen wir einmal, den Kopf schütteln. Tolerieren leitete sich vom lateinsichen „tolerare“ ab und heißt nicht etwa „akzeptieren“ oder gar „damit leben“, nein, es heißt „ertragen“. Aber vermutlich befindet er sich in unserer Gesellschaft genau am Puls der Zeit. Denn während wir Marsmissionen vorbereiten und jede zweite Schule nach Kant, Helmholtz und deren Kumpels benannt worden ist, wird „schwul“ auf dem Schulhof immer noch als Beleidigung benutzt und das Präfix „homo“ stellt die damit korrespondierende gesellschaftliche Version dar.


Im Juni diesen Jahres titelte der Fokus „Homo-Ehe: Abstimmung noch diese Woche?“. Einmal abgesehen von der großzügigen Auslegung der Rechtsschreibungsregeln, scheint sich der Terminus Homo-Ehe nun in die gegenderte Gesellschaft eingefressen zu haben und bleibt hartnäckig. Auf der anderen Seite kann man ja auch nicht, wie bspw. der Tagesspiegel, andauernd mit „Ehe für alle“ titeln. Denn jeder halbwegs aufrechte Demokrat - und jeder studiosus iuris erst recht - müsste sich grübelnd am Kopf kratzen und überlegen, ob das nicht schon längst selbstverständlich sei - „für alle“. Warum denn nicht für alle? Ist es wirklich wahr, dass wir Menschen, die aufgrund ihrer individuellen Genzusammenstellung - wirklich, Homosexualität ist keine ICD-10 Diagnose, sondern die Summe der eigenen Gene - ernsthaft den Gang zum Standesamt verweigern und sie mit dem Stern der Lebenspartnerschaft markieren?

Die Ehe sei die letzte Bastion konservativer Werte. Was sagen wohl die Niederlande, Belgien, Spanien, Kanada, Südafrika, Norwegen, Schweden, Portugal, Island, Argentinien, Dänemark, Brasilien, Frankreich, Uruguay, Neuseeland, die Briten, Luxemburg, Mexiko, die Vereinigten Staaten, Irland, Kolumbien und Finnland dazu? Alles ein Haufen gottloser Homo-Länder, die ihre zum Teil äußerst katholisch geprägten, konservativen Werte mit den Füßen treten? Oder ist das Problem nicht viel mehr, dass unsere deutsche Leitkultur ein wenig eingestaubt ist und neben einem neuen Namen ein Update nötig hat?

Das Problem ist ehrlicherweise aber nicht nur die absurde Frage, ob homosexuelle Paare heiraten dürfen, sondern die tief in der Gesellschaft verwurzelte Skepsis gegenüber allem Fremden. Und fremd ist in diesem Zusammenhang keineswegs nur etwas, was man noch nicht kennt. Fremd ist in diesem Kontext alles, was anders ist, als man selbst. Hört auf, Schwule oder Lesben ständig zu exponieren. Lasst es, die Homosexualität zu einem Thema zu machen und macht lieber die Homophobie zu einem. Wie erleichternd es doch wäre zu hören „Wir treffen uns gleich mit Bernd, der ist zwar ein Homophob, aber sonst ganz cool.“ Homosexualität ist nichts anderes als Heterosexualität. Sie ist nur eben etwas anders. Ertragt es nicht nur, akzeptiert es. Respektiert es. Oder lasst es euch wenigstens egal sein.

Und um den Bogen zum Jurastudium zu spannen, möge man die Vorlesungen Staatsrecht I (Staatsorganisationsrecht) und Staatsrecht II (Grundrechte) einer intensiven Lektüre und Rezeption unterziehen.


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