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Die Tugend in die Mitte

09.07.2018
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Wenn Gesetze sprechen könnten, würden sie sich zu zuallererst über Juristen beschweren sagte Savile - und das schon Mitte des 17. Jahrhunderts. Dickens meinte etwa 200 Jahre später, wenn es keine schlechten Menschen gäbe, gäbe es keine guten Juristen. Steht es so schlecht um uns? Liegt es daran, dass der Beruf, die Rechtsanwendung, den Menschen, der zum Juristen geworden ist, verdirbt? Oder wird nur der verdorbene Mensch Jurist?

"Die Tugend in der Mitte!", sagte der Teufel und setzte sich zwischen zwei Juristen.

Ich stelle mir diese Frage wirklich. Sie mag pathetisch sein, zugegeben. Aber dieser Pathos begleitet uns schon von Beginn an. Neben den zahlreichen anderen Vorurteilen natürlich, denen wir zumeist nur allzu gerne gerecht werden (wollen). Ohne Frage habe ich schon einige Volljuristen kennengelernt und sehr schnell verstanden, warum Friedrich Wilhelm I., der ohnehin nicht unbedingt für seine Lebensfreude bekannte Soldatenkönig, sie in schwarze Säcke stecken lassen wollte. Er hat seine Anordnung so auf den Punkt formuliert, dass ich diese nicht vorenthalten möchte - Wir ordnen und befehlen hiermit allen Ernstes, dass die Advocati wollene schwartze Mäntel, welche bis unter das Knie gehen, unserer Verordnung gemäß zu tragen haben, damit man diese Spitzbuben schon von weitem erkennen und sich vor ihnen hüten kann. Auf der anderen Seite habe ich aber auch Volljuristen kennengelernt, die - einmal angenommen, dass das Schwarz für das Schlechte im Advocatus steht - weiße Roben tragen sollten. Diese juristischen Streiflichter sind schlicht gute Menschen, über vieles erhaben und von Herzen gerecht. Also wo setzen wir an, bei unserer Suche nach dem Spitzbuben?

Betrachtet man Kommilitonen in der eigenen Fakultät wird es abenteuerlich. Wohl kaum ein anderer Studiengang ist so verrufen wie die Rechtswissenschaft. In einem Experiment, in dem untersucht wurde, an welcher Fakultät einer Universität gestohlene Tablets und Smartphones den meisten Absatz finden, lag die Juristische mit weitem Abstand auf Platz 1. Alles Erstsemester, die noch keine Vermögensdelikte und kein Sachen- und Deliktsrecht gehört haben? Wohl kaum. Aber diese nicht repräsentative Untersuchung steht für einen Menschenschlag, der sich in seiner Peergroup eben an juristischen Fakultäten konzentriert.

Kann ich mein Handtuch auf das Regal mit den Grundrechtskommentaren werfen und so reservieren? Nein? Dann reiße ich einfach die für die Falllösung relevanten Seiten heraus oder verstecke alle Exemplare des Buchs. Beliebt ist übrigens auch das „Schwärzen“ von Seiten. Mehr Textzeichen möchte ich den Asozialen unter meinen Kommilitonen aber nicht widmen. Trotzdem ist es kurios, dass Zusammenhalt und Zusammenarbeit in anderen Studiengängen wesentlich ausgeprägter sind. Natürlich ist ein Erklärungsversuch, dass die sozialen Kompetenzen des gemeinen Jurastudenten eben proportional rückläufig zum Leistungspensum sind, bspw. wenn er über Wochen tauchen geht (nicht in der Karibik - er taucht über seinen Büchern und lernt, lernt, lernt). Aber diesen Erklärungsversuch lasse ich nicht gelten. Andere Fakultäten, die der Mediziner oder der Psychologen haben ähnliche Ansprüche an ihre Studenten und die Studenten sind in ihrer sozialen Kompetenz den Jurastudenten zumeist um ein vielfaches Überlegen. Ja, die Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.

Selbst Kleinigkeiten funktionieren bei Juristen oft nicht. Die Mehrheit der Kommilitonen verrät sich gegenseitig zum Beispiel nicht einmal die Punktzahl der letzten Klausur oder lügt über dieselbe. Die eigene Leistung - nicht nur bei Klausuren - wird unermesslich aufgebläht. Ein Betrug (§ 263 (-), natürlich). Unfassbar! „Gemeinsames Lernen“ artet regelmäßig in eine Zurschaustellung der individuellen oder wenigstens gefühlten Lernstärke auf Kosten des Selbstwertes seiner Lernpartner aus und in den Hörsälen beobachtet man regelmäßig eine Art brownsche Idealverteilung bei der Sitzordnung. Dabei kann ein ehrliches, gemeinsames Leiden doch so schön sein.

Perfekt. Wir haben es geklärt. Juristen sind schon als Studenten mehrheitlich schlechte Menschen und haben den schwarzen Sack verdient!

Ganz so ist es nun nicht. Lassen Sie mich großmütig aus der Position eines höheren Semesters heraus erzählen, wie es auch sein kann. Ich arbeite derzeit (3 Wochen vor der letzten „großen Klausurenphase“) wirklich viel. Und während der Semester lernt man recht schnell, wer Kommilitone, wer Leidensgenosse und wer Freund ist. Die Klausurenphasen habe ich eigentlich ganz gerne; überhaupt das ganze Studium. Einerseits kann man unanständig performen, wenn man möchte und das steigert das Selbstwertgefühl. Andererseits genieße ich extrem den Austausch mit meinen Kommilitonen, meinen Wegbegleitern. Während man die Menschen, die einen von dem Brett des Karneades stoßen möchten einfach links liegen lässt, bleiben die Weggefährten übrig. Kommilitonen, die nicht nur kompetente Ansprechpartner sind, sondern auch Menschen. Menschen, die motivieren, die pushen und die Kraft geben. Sie halten deinen Kopf über Wasser, wenn du es am meisten brauchst und du revanchierst dich gerne. Sie zwingen dich zu Lernpausen. Sie reflektieren das Rezipierte und wenden es mit dir praktisch an. Wie oft haben mich diese Menschen gerettet! Oft ist gerade der Einstieg in ein Rechtsgebiet echt heftig und es beruhigt zu wissen, dass man nicht der einzig Dumme ist. Und das gemeinsame Erarbeiten unter Offenbarung des wechselseitigen Wissens aber auch der individuellen Schwächen kann einen unbesiegbar machen. Ich spreche aus Erfahrung. Gerade wenn sich in den höheren Semestern die Reihen lichten wird sehr schnell deutlich, wer dem System unter Auslassung des Mindestmaßes an Anstand hinterher hetzt, wer probiert zügig und engagiert hindurch zukommen und wer sich und seine Kollegen mit einem bestmöglichen Ergebnis zum Ziel bringen möchte. Ich habe solche Menschen als Kommilitonen. Und zwar beide Fraktionen. Die unaufrichtigen, sich aufspielenden Spitzbuben und die motivierenden, partnerschaftlichen Pusher. Beide haben mir geholfen, mit einem passablen Schnitt an dieser Stelle meines Studiums zu stehen. Die einen als Streiflicht. Die anderen als Exempel. Trotzdem ist mein Dank ungleich verteilt.

Letztere Gruppe ist aber meine ganz persönliche Erklärung dafür, dass Juristen eben nicht per se schlechte Menschen sind oder der gute Mensch durch die Juristerei verdorben wird. Die zahlreichen Sprichwörter tun uns Unrecht. Einerseits sind wir Bestandteil eines „Standes“ mit dem der juristische Laie zumeist nur in Extremsituationen, zumindest aber in aufregenden in Berührung kommt. Und das schürt nun einmal Reaktionen. Denn wenn einer glücklich mit dem Ausgang eines juristisch relevanten Lebenssachverhaltes ist, ist auf der anderen Seite denklogisch jemand unzufrieden. Das macht Quote. Andererseits ist es wie überall im Leben. Die Lauten bestimmen das Meinungsbild.

Ich habe jedenfalls in meinem Leben und in meinem Studium - das ich trotz oder wegen alledem sehr liebe - eine Menge Juristen kennengelernt und einige ganz wunderbare Menschen getroffen, die mich auf verschiedenen Ebenen inspirieren, ständig meinen Kompass justieren und mir Mut machen. Letztlich sind Juristen Menschen. Und ob der Mensch nun gut oder schlecht ist, dürfte eine der ältesten Fragen unserer Zeit sein.


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