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Darum tust du dir das an

Manche Dinge liest man und vergisst sie wieder. Andere liest man und denkt darüber nach. Liebe Hanna, ich habe mich gefreut, deine innere Diskussion zu lesen. Auch, weil ich in der letzten Zeit immer öfter mit genau dieser Fragestellung konfrontiert werde. Flaubert hat einmal angemerkt, dass ...

23.01.2017
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Manche Dinge liest man und vergisst sie wieder. Andere liest man und denkt darüber nach. Liebe Hanna, ich habe mich gefreut, deine innere Diskussion zu lesen. Auch, weil ich in der letzten Zeit immer öfter mit genau dieser Fragestellung konfrontiert werde.

Flaubert hat einmal angemerkt, dass seine Professoren nichts anderes im Sinn hatten, als ihn „zu verblöden und zu lähmen“. Und schaue ich mir manch einen Professor an, ertappe ich mich bei einem gefälligen Lächeln. Und auch Heine sah in dem Studium der seiner Meinung nach „illiberalsten Wissenschaft“ nur eine „vergeudete Zeit“. An manchen Tagen fällt es einem schon schwer, den Subsumtions-Robotismus von den Schultern zu schütteln und wenn man an einem solchen gefragt wird, warum man eben Jura studiert, fängt man an zu stottern. Geld? Sicher. Anderen helfen wollen? Bedingt. Anzüge tragen? Werden, soweit ich weiß, auch an Nichtjuristen verkauft. Die Liebe zum Recht und zur Gerechtigkeit? Nun ja, sagen wir es mal mit Otto von Bismarck: „Wer weiß, wie Gesetze und Würste zu Stande kommen, kann nachts nicht mehr gut schlafen.„ Oder mit Radbruch, dessen Formeln Studenten schon im ersten Semester auf das übelste quälen: „Ein guter Jurist kann nur der werden, der mit einem schlechten Gewissen Jurist ist“.

Dabei ist schon erstaunlich, dass der Zweifel am Studium vor allem im kausalen Zusammenhang mit Klausurphasen steht. Und anstatt nun einfach das Lernen zu ertragen und zu versuchen, seine Liebe für die Rechtswissenschaft zwischen 1.000 Seiten Text und ständig belegten Arbeitsplätzen in überfüllten Bibliotheken - auch im Morgengrauen - zu suchen, externalisieren wir und möchten das Studium an sich bezweifeln. Ich tue das übrigens auch, für mein Leben gerne. Und ich liebe Klausurphasen allein für den Umstand, dass in solchen meine Wohnung nie sauberer ist, meine To-Do-Liste beinahe erledigt und auch sonst alles um mich herum erledigt scheint, außer eben der Lernerei. Aber das hat ja seinen Grund. Wir haben oben darüber gesprochen.

Es gibt jedoch auch eine andere Seite. Tucholsky hat mit seinem juristischen Sachverstand leidenschaftlich gegen rechten Terror und die Todesstrafe gekämpft. Glücklicher Weise unter Auslassung des juristischen Sprachstils. Und auch andere studierte Rechtswissenschaftler haben gesellschaftlich gewirkt. In dem Beruf oder eben außerhalb des Berufes. Denn, wenn Berlusconi davon spricht, dass Juristen „anthropologisch andersartig“ sind, dann mag er außerhalb seines eigentlich gewollten Kontextes durchaus recht haben. Die Rechtswissenschaft will in gewisser Weise die Ordnung der Welt verstehen und angemessen darauf reagieren, sie also zum Wohle aller umformen. Sie umgibt uns in jedem Moment, quasi als rechtsregulatives Higgs-Boson und Menschen, die sich ernstlich für die Rechtswissenschaft (und nicht nur für das Jurastudium, Geld oder Anzüge interessieren), sind eben auf vielen Ebenen interessierte und ambiotionierte Menschen. Menschen, die etwas bewirken wollen und werden.

Und darum, darum tust du dir das an.

Übrigens hat Heine, trotz der retrospektiv eher negativen Wertung seiner Studienzeit, promoviert. So schlimm kann es also nicht gewesen sein. Und nun möchte ich dir danken. Für die willkommene Begründung, mich 30 Minuten dem Lernen guten Gewissens entzogen haben zu können. Danke.


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