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Captain Murks und der Helikopter-Student

Ich möchte ja nun wirklich niemandem die römischen Philosophen um die Ohren hauen, aber in den letzten Tagen denke ich immer öfter an Senecas Gedanken, dass es nicht zu wenig Zeit ist, die wir hätten, sondern zu viel Zeit, die wir nicht nutzen. Schon richtig. Gleichwohl ergänze ich das ...

27.06.2016
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Ich möchte ja nun wirklich niemandem die römischen Philosophen um die Ohren hauen, aber in den letzten Tagen denke ich immer öfter an Senecas Gedanken, dass es nicht zu wenig Zeit ist, die wir hätten, sondern zu viel Zeit, die wir nicht nutzen. Schon richtig. Gleichwohl ergänze ich das gerne um das Wort zielführend.

 

 

EM, Brexit, Unwetter, kleinere Naturkatastrophen und andere Schlagzeilen fliegen gerade nur so an mir vorbei. Mein Blick ist im Moment allerdings so sehr auf die Klausuren in der ersten Woche der Semesterferien gerichtet, wie der einer Katze, die eine Fliege quer durch das Wohnzimmer jagt. Und immer wieder kehre ich zu Seneca zurück und überlege, ob ich in den letzten Wochen wirklich die Zeit schlicht nicht genutzt habe. Es ist kaum zu glauben, wie viel Respekt mir die anstehenden Prüfungen einflößen. Mein universitäres Umfeld begünstigt die Anspannung dabei übrigens auf ganz vielfältige Weise.

 

 

Da haben wir einmal die Kategorie der Helikopter-Studenten. Scheinbar lernt dieser Typ Student unentwegt und baut sich so ein immenses Fachwissen auf, das er ständig und in jeder Situation - selbstverständlich auch ungefragt - zum Besten gibt. In jeder Vorlesung hat er in der dritten Reihe den Arm oben und stellt zu allem Überfluss auch noch wirklich durchdachte Fragen. Und während man selbst im aufgedrängten Vergleich an der eigenen Unzulänglichkeit verzweifelt, übersieht man leicht, dass das scheinbare Wissen vor allem auf Fachterminologie und Schlagwörtern aufbaut, eine solide Substanz aber oft vermissen lässt. Oder nehmen wir Captain Murks - wie ihn einer meiner AG-Leiter getauft hat. Captain Murks ist immer locker, gut gelaunt und hat Durchblick. Beneidenswert wie entspannt er das Studium sieht, Klausuren schiebt und wirklich viel Zeit für Sport, Parties und Freunde hat. Ihm reichen mithin auch 4 Punkte, Hauptsache bestanden und durch. Im Vergleich zu diesem Charakter fühle ich mich unglaublich spießig und verkrampft.

 

 

Und natürlich finde ich auch in meinem nächsten Umfeld Variationen des einen oder des anderen Stereotyps, die mein Studiengleichgewicht zeitweise aus der Bahn werfen. Worüber ich aber wirklich dankbar bin sind die ehrlichen Momente und Unterhaltungen mit Freunden, die helfen, die eigene Position auszuloten. So zum Beispiel die Erkenntnis, dass die Stoffmenge tatsächlich schier nicht zu bewältigen ist oder in einem anderen Moment der ehrliche Hinweis, dass man mit mehr Engagement oder einer besseren Technik die Zeit tatsächlich hätte besser nutzen können.

 

 

Meine eingangs geschilderte Annahme tragend, hat mein Lieblings-Helikopter-Student die letzte Semesterabschlussklausur im Öffentlichen Recht (ganz deutlich) nicht bestanden und auch die Remonstration verlief im Sande. Hingegen hat Captain-Murks als einer der top five die Strafrechtsklausur abgeliefert. (Fairerweise muss ich darauf hinweisen, dass das auch die einzig bestanden Klausur des Captains im letzten Semester war.) Lehrreich ist es trotzdem, denn wie so oft ist der goldene Schnitt vermutlich die Mitte.

 

 

Gustave Flaubert hat mein Dilemma einmal recht passend zusammengefasst. "Zahnschmerzen sind noch gar nichts, und die Tränen, die mir bei den schlimmsten Anfällen in die Augen kommen, sind nicht mit dem furchtbaren Krämpfen zu vergleichen, die mir diese reizende Wissenschaft verursacht, die ich studiere." Ich liebe es einfach. Nicht nur dieses Zitat, auch das Jurastudium selbst und ich möchte auch nicht darauf verzichten. Jura ist eine wahnsinnige Herausforderung und immer wieder spürt man die Kompetitivität mit anderen, vor allem aber die mit sich selbst. Ein klares Plädoyer für die Rechtswissenschaft. Aber auch ein Aufruf, die Dinge etwas entspannter anzugehen und sich nicht von anderen (oder sich selbst) blenden zu lassen.


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