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Bleibt den Vorlesungen fern

Ganz so drastisch möchte ich es nun doch nicht ausdrücken. Vermutlich auch ohne imperativen Charakter. Dennoch bleibt eine Grundfrage, die mich jetzt schon im zweiten Semester beschäftigt - gehe ich in die Vorlesung oder ...

20.05.2016
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Ganz so drastisch möchte ich es nun doch nicht ausdrücken. Vermutlich auch ohne imperativen Charakter. Dennoch bleibt eine Grundfrage, die mich jetzt schon im zweiten Semester beschäftigt - gehe ich in die Vorlesung oder lese ich das Buch. Von der Oberstufe vorab auf Anwesenheit und Aushalten getrimmt hat sich mir in den ersten Monaten des Studiums diese Frage gar nicht gestellt. Oder viel mehr habe ich mich nicht getraut, diese Frage zu stellen.

 

 

Nun hatte ich das große Glück, im letzten Semester beinahe ausschließlich von „Vollblutprofessoren“ unterrichtet worden zu sein. Wortwitz, Charisma und eine - soweit ich das beurteilen kann - hervorragende juristische Expertise. Leider sieht es in diesem Semester etwas anders aus und ich habe erfahren, wie sehr Hochschullehrer durch ihren Habitus und ihr didaktisches Konzept mitbestimmen, was von der Vorlesung hängen bleibt.

 

 

Ein Beispiel: Während im letzten Semester der Prof für Öffentliches Recht regelmäßig ‚standing ovations‘ für seine flammenden und mutigen Appelle am Ende der Vorlesung bekommenen hat und der Hörsaal auch an einem Donnerstagabend im Winter so voll war, dass einige meiner Kommilitonen auf den Stufen gesessen haben, ist die Zahl der Hörer in diesem Semester innerhalb von fünf Wochen um 60 % zurückgegangen. Was ist passiert? Kurz, der Professor. Obgleich auch dieser Universitätslehrer charismatisch ist und eine beachtliche Vita vorweisen kann, scheint er quasi kein Konzept zu haben. Die Folien sind zum Nachlernen völlig ungeeignet und der Vorlesung kann man nur unter größter Anstrengung gerade noch halbwegs folgen.

 

 

An diesem Punkt habe ich mir die Frage gestellt, wie zuträglich eine solche Vorlesung wirklich sein kann. Kann man eine Veranstaltung einfach auslassen und woanders - zu hause oder in der Bibliothek - produktiv den Stoff behandeln? Klar, schon in der Einführungswoche hat man uns gesagt, dass Jura ein Selbststudium sei und die Vorlesungen lediglich Akzente setzen sollen. Aber kann damit gemeint gewesen sein, ganze Vorlesungen wegzulassen?

 

 

Folgt man der diversen Fachliteratur zur juristischen Methodenlehre und Arbeitsweise und den Gesprächen mit höheren Semestern, lautet die Antwort „ja“ (zumindest nach einer ersten Orientierungsphase). Und es stimmt. In den 90 Minuten Vorlesung, zu der ja ggf. noch die Anfahrtszeit etc. kommt, bin ich zuhause oder in der Bibliothek weitaus erfolgreicher bei der Stoffrezeption, als meine zum Teil immer noch beharrlich gelangweilten Kommilitonen in der Vorlesung.

 

 

In der Summe kann man feststellen, dass Jura ein ganz großartiges und vielfältiges Studienfach ist, das einem eben diese Freiräume offen hält. Nur die Disziplin, die für ein erfolgreiches Selbststudium erforderlich ist, sollte man nicht unterschätzen.


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