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freischuss WiSe 2010 - Leserbriefe (1/2)

Emotionen und viel Geld

leser schreiben34 „Panem et circenses“, zu Deutsch: Brot und Spiele, das waren die Laster der Menschen im alten Rom. Mit die- sem Ausdruck kritisierte der römische Schriftsteller Juvenal einst die Bürger Roms, deren einzige Grundbedürfnisse das Essen und die Unterhaltung waren und die keinerlei Interesse am politischen Geschehen zeigten. Die Einschaltquoten der diesjährigen WM haben gezeigt,dass sich auch im 21. Jahrhundert Menschen auf der ganzen Welt für den Sport begeistern. In den vergangenen Jahren ist er zu einem be- deutenden Wirtschaftsfaktor geworden. Im Jahr 2004 erwirtschaftete der Sport im weiten Sinne (Sportausübung,Sport- artikelhandel, Sportausbildung) einen Mehrwert von 407 Mrd.Euro und damit 3,7% des BIP der EU. Allein der deutsche Profifußball sorgt für 110.000 Jobs und leistet jährlich Steuern und Abgaben in Höhe von netto 1,5 Mrd. Euro. Wo es um so viel Geld geht, da sind In- teressenkonflikte vorprogrammiert. Es wird gestritten um Schiedsrichter-Ent- scheidungen, um Übertragungsrechte, um verbotene Wetten und um Verstöße gegen Dopingverbote.DieWelt des Pro- fisports hat sich als reiches Betätigungsfeld für Juristen erwiesen.In Form von Semi- naren undVorlesungen hat das Sportrecht Einzug an vielen Universitäten gehalten, hinzu kommen entsprechendeWeiterbil- dungsangebote für Anwälte. Dabei zeichnet sich das Sportrecht durch eine Besonderheit aus, die es von klas- sischen Rechtsdisziplinen unterscheidet: Es stellt einen Querschnitt der drei Säu- len der Rechtswissenschaft dar,indem es neben zivilrechtlichen auch öffentlich- rechtliche und strafrechtliche Aspekte umfasst. Auch von klassischen wirtschaftlichen Branchen unterscheidet sich der Sport- sektor.Normale Marktteilnehmer wollen sich auf Kosten ihrer Mitbewerber am Markt durchsetzen. Sportvereine sind demgegenüber auf Konkurrenz angewie- sen. In der Bundesliga muss ein gewisses Maß an Gleichgewicht und Ungewiss- heit über den Spielausgang bestehen, damit die Fans das Interesse nicht ver- lieren.Außerdem ist der Sportmarkt auf eine straffe Organisation und einheitliche Regelwerke angewiesen, um internatio- nale Leistungsvergleiche zu ermöglichen. Schließlich darf auch die soziokulturelle Dimension des Sports nicht außer Be- tracht bleiben. Diese Besonderheiten können die An- wendung des staatlichen Rechts auf Sachverhalte aus der Sportwelt schwie- rig machen und erfordern im Einzelfall womöglich sogar eine Modifikation der staatlichen Normen. Hier müssen Ju- risten die richtige Balance finden:Einer- seits kann es keinen rechtsfreien Raum geben, andererseits soll auch nicht jede Schiedsrichterentscheidung auf dem Platz vor Gericht angefochten werden können, da sonst der sportliche Wett- kampf zum Erliegen käme. Insbesondere die Haftung des Schieds- richters für Fehlentscheidungen er- scheint in diesem Zusammenhang äu- ßerst problematisch.Eine rote Karte oder ein gegebener Elfmeter können über das Weiterkommen eines Vereins in einem Wettbewerb entscheiden und sich damit auch auf dessenVermögenssituation aus- wirken. In Anbetracht der Tatsache, dass ein Schiedsrichter in einem Bundesli- gaspiel durchschnittlich 230 Zweikämp- fe innerhalb kürzester Zeit beurteilen muss, wird eine Haftung für fahrlässige Fehlentscheidungen allerdings kaum zu begründen sein.Anders dürfte die Sache bei vorsätzlichen Fehlentscheidungen liegen, wie etwa im Falle des in einen Wettskandal verwickelten Schiedsrich- ters Robert Hoyzer.Hier allerdings stellt sich das Problem der Bezifferung des dem Verein durch die Manipulation entstan- denen Schadens. Wer sich als Jurist im Sportsektor betätigt, sollte bedenken,dass im Sport auch Emo- tionen eine große Rolle spielen und den Blick auf rechtlicheArgumente verstellen können.Dies zeigt die derzeitige Diskus- sion zurAbschaffung der 50+1-Regel im deutschen Profifußball. Die 50+1-Regel legt fest,dass die Mehrheit derAnteile an einem Fußballclub in der Hand desVer- eins sein muss.Die Fanorganisation „Un- sere Kurve“ kämpft mit Unterschriften- Aktionen und Protestbannern in den Stadien für den Erhalt der Regel. Sie befürchtet, dass die Clubs zu Spekulati- onsobjekten für Finanzjongleure werden und warnt vor Verschuldung wie in der englischen oder spanischen Liga.Dass die Vereinbarkeit der 50+1-Regel mit dem europäischen Wettbewerbsrecht höchst umstritten ist, scheint in dieser emotio- nalen Diskussion von vielen ausgeblendet zu werden. Der Sportsektor dürfte sich also als fa- cettenreiches Rechtsgebiet mit Zukunft erweisen.Waren es im alten Rom Gladi- atorenkämpfe undWagenrennen, die die Menschen faszinierten, so sind es heute die Formel 1 und der Profifußball. Das Interesse am Sport quer durch alle Be- völkerungsschichten scheint jedenfalls damals wie heute ungebrochen. Julia Hagenkötter, Universität Münster Was den Sportsektor zu einem besonderen Rechtsgebiet macht Emotionen und viel Geld 34,35,36,37.indd 30 18.08.10 17:56 34,35,36,37.indd 3018.08.1017:56

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