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Geschützt vor Niederschlägen?

Während die meisten Branchen mit der Wirtschaftskrise schwer zu kämpfen haben, erscheinen viele Juristen erstaunlich gelassen. Aber wie krisensicher ist ein Jurastudium wirklich?

Thomas Mike Peters verbringt viel Zeit vor seinem Computer. Seine Kollegen und er beschäftigen sich mit denselben Dingen wie Millionen von jungen Menschen auf der ganzen Welt – Youtube, Myvideo, Facebook. Für die meisten sind diese Seiten Mittel zur Zerstreuung. Für Thomas Mike Peters sind sie die Zukunft. Thomas studiert Jura mit dem Schwerpunkt Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht an der Uni Münster. Seit drei Jahren schreibt er mit vier Kommilitonen auf dem Weblog Telemedicus.info über Themen, bei denen sich Recht und Medien berühren. Davon gibt es immer mehr, Streitigkeiten wie die zwischen der Verwertungsgesellschaft GEMA und dem Videoportal Youtube sind längst keine Seltenheit mehr.

Thomas’ Blog läuft so gut, dass sich daraus bereits konkrete Aussichten auf einen Job ergeben haben. Für Juristen sieht er auf dem Gebiet des Medienrechts einen Arbeitsmarkt mit großen Zukunftschancen. „Man hat da derzeit bessere Chancen als Absolventen anderer, eher breit aufgestellter Schwerpunktausbildungen im Wirtschaftsrecht. Durch die neuen Anwendungen des Web 2.0 und die damit einhergehenden Veränderungen in der öffentlichen Kommunikation ergeben sich für Juristen viele neue Möglichkeiten.“ 

Veränderungen, neue Möglichkeiten: Wenn man der Frage nach der Krisensicherheit eines Jurastudiums nachgeht, dann scheinen das die zentralen Schlüsselbegriffe zu sein. In den Wirtschaftsnachrichten der vergangenen Monate war in so gut wie allen Bereichen ausschließlich von negativen Veränderungen die Rede: einbrechende Märkte auf der ganzen Welt; Insolvenzen; Entlassungswellen; Arbeitslosigkeit. Die Wirtschaftskrise hat kaum eine Branche unversehrt gelassen, so gut wie alle spüren ihre Auswirkungen. Mitte des Jahres waren in Deutschland eine Viertelmillion Menschen mehr arbeitslos als zur gleichen Zeit des Vorjahres.

Hört man sich aber unter Juristen um, ist eher Gelassenheit zu spüren, mit dem Begriff „Veränderung“ gehen hauptsächlich positive Assoziationen einher. Und das scheint durchaus gerechtfertigt, wenn man sich die Arbeitslosenzahlen ansieht: Zwar ist laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit die Zahl der arbeitslosen Juristen gegenüber dem Vorjahr angestiegen. Aber sie sind zumindest nicht überdurchschnittlich von der Krise betroffen. Und vergleicht man sie mit den Absolventen anderer Fächer, mit denen sie um Arbeitsplätze konkurrieren, stehen sie zum Teil sogar ein ganzes Stück besser da. Die Nachfrage nach Juristen ist gegenüber dem Vorjahr um deutliche zehn Prozent gestiegen, während beispielsweise für Unternehmensberater oder Wirtschaftswissenschaftler ein Viertel weniger Stellen ausgeschrieben sind. Das verwundert, war doch bisher die landläufige Meinung, dass BWLer wegen ihres zielgerichteten Fachwissens – beispielsweise im Umgang mit Zahlen – die Nase vorn hätten. Deshalb kombiniert auch die Universität Mannheim in ihrem neuen Bachelor-Studiengang „Unternehmensjurist“ die juristische mit der betriebswirtschaftlichen Ausbildung. „Viele wissen ja am Anfang ihres Jurastudiums auch noch gar nicht, wo es hingehen soll“, sagt Professor Georg Bitter, Mitinitiator des Mannheimer Studiengangs. „Unser System bietet nach einer ersten Qualifikationsstufe die Flexibilität, verschiedene Wege einzuschlagen. Man kann einen Master machen – auch in einem anderen Fach –, ins Ausland, in ein Unternehmen gehen oder den Weg zum zweiten Staatsexamen einschlagen.“

Apropos Staatsexamen. Die Absolventenzahlen sind unter Juristen noch immer rückläufig. Für jeden, der derzeit Jura studiert, bedeutet das weniger Konkurrenz und damit bessere Chancen auf dem Markt. Wahr ist allerdings auch, dass ganz grundsätzlich die Jüngeren von der Krise überdurchschnittlich betroffen sind. Wie in den meisten Berufen stieg im Vergleich zum Vorjahr auch bei den Juristen die Arbeitslosigkeit in der Gruppe der Berufseinsteiger am stärksten an: Während die Arbeitslosigkeit bei Juristen insgesamt um 9,7 Prozent anwuchs, waren es bei den Jüngeren unter 35 Jahren 16 Prozent.

Doch nun ist Jurist nicht gleich Jurist. Die häufig gepriesene Vielseitigkeit des Jurastudiums ermöglicht den Einstieg in verschiedene Bereiche. Gerade in wirtschaftlich schwachen Zeiten stellt sich die Frage, welche davon betroffen sind und welche nicht. Am meisten profitieren in der Krise naturgemäß die Insolvenzverwalter – obwohl die große Pleitewelle bislang noch gar nicht eingetroffen ist . Doch sie sind nicht die einzigen Juristen, denen es trotz Krise gut geht.

Manfred Finken, geschäftsführender Partner bei Freshfields Bruckhaus Deringer, gibt zwar zu, dass viele Mandanten seiner Wirtschafts-Großkanzlei von der gegenwärtigen Krise betroffen sind und man auch bei Freshfields derzeit nicht auf dem hohen  Niveau der wirtschaftsstarken Vorjahre einstellen kann. Sorgen machen müssten sich Jurastudierende deshalb aber nicht: „Wir konnten seit Ausbruch der Krise zahlreiche Restrukturierungen und andere komplexe Mandate mit oft ganz neuartigen rechtlichen Herausforderungen begleiten.“ Die Krise krempelt Wirtschaft und Finanzmärkte gehörig um, von Opel bis Hypo Real Estate, überall wurde und wird restrukturiert, saniert, reguliert. Nicht selten betritt man da rechtliches Neuland, und dabei, so Finken, ist die Rechtsberatung einer großen Kanzlei wie Freshfields besonders gefragt. Das Geschäft mit Mergers & Acquisitions (M & A), das vor der Krise für Großkanzleien der Goldesel war, kriselt zwar. Die Verluste auf diesem Gebiet können aber zumindest teilweise durch neue Felder kompensiert werden. Veränderungen, neue Möglichkeiten: Da sind sie wieder. Trotzdem: Auch wenn die Wetterlage bei den großen Kanzleien insgesamt nicht dramatisch schlecht zu sein scheint, weil sie wie Freshfields einigermaßen flexibel auf Marktveränderungen reagieren können, bleibt ein Problem bestehen: Der einzelne Jurist ist weniger wandelbar als ein Unternehmen. Er kann nicht von heute auf morgen auf ein anderes Spezialgebiet umsatteln, gerade wenn es um so komplexe Dinge wie zum Beispiel die Bankenaufsicht geht. Abseits der Großkanzleien, die ja ohnehin nur einen kleinen Teil der Jura-Absolventen beschäftigen, ist die Stimmung ebenfalls gut – zum Teil sogar noch besser: Michael Henn arbeitet in einer mittelständischen Kanzlei, er ist Vizepräsident der Deutschen Anwalts-, Notar- und Steuerberatervereinigung für Erb- und Familienrecht. Er strahlt Gelassenheit aus. Krise? Nicht bei ihm: „Ich bin auf Erbrecht spezialisiert. Das ist von der Konjunktur unabhängig.“

Darin liegt der große Vorteil mittelständischer Kanzleien. Gewisse Rechtsgebiete sind von der wirtschaftlichen Entwicklung quasi abgekoppelt. Strafrecht, Erbrecht, Steuerrecht – in diesen Bereichen gibt es immer rechtlichen Beratungsbedarf und damit Nachfrage nach Juristen, die auf diese Gebiete spezialisiert sind. Ob die Leute noch Autos kaufen oder bei Karstadt shoppen gehen, hat darauf kaum Auswirkungen. Anders als große Kanzleien bedürfen Juristen wie Michael Henn aus diesem Grund noch nicht einmal neuer Geschäftsfelder zum Ausgleich. „Die Situation ist bei mittelständischen Kanzleien derzeit wesentlich besser als bei den großen.“ 

Und dann ist da ja noch der Arbeitgeber Staat. Dirk Erfurth, Leiter der Beratungsstelle Student und Arbeitsmarkt an der Ludwig-Maximilians-Universität München, bezeichnet ihn als die „Konstante auf dem Arbeitsmarkt für Juristen“. Auch Professor Peter Huber, Vorsitzender des Deutschen Juristen-Fakultätentages, berichtet Ähnliches. Richter und Staatsanwälte seien immer gefragt, sagt er, wie bei Lehrern herrscht dort eine zwar überschaubare, aber stabile Nachfrage. Huber stellt allerdings auch fest, dass viele Studierende mittlerweile lieber für den Staat arbeiten möchten, als bei großen Kanzleien Spitzengehälter einzufahren. Personalreferenten sowohl des Bundes als auch der Länder hätten ihm von einem wachsenden Zustrom aus Großkanzleien berichtet, sagt Huber. „Nach vier, fünf Jahren verblassen bei so manchem Juristen die Dollarzeichen in den Pupillen.“

Große law firms, mittelständische Kanzleien und der Staat bieten also noch immer Möglichkeiten, sodass derzeit kein Jurist verzweifeln muss. Mit dem Examen in der Tasche scheint ein Job in den klassischen juristischen Betätigungsfeldern in einigermaßen greifbarer Nähe zu liegen – zwar vielleicht nicht sofort und ganz bestimmt nicht immer mit Spitzengehältern honoriert, aber dafür mit der Sicherheit, auch bei weiterem Schwächeln der Konjunktur nicht am Steuer eines Taxis zu enden.

Darüber hinaus gilt das Jurastudium gemeinhin als eines, das seinen Absolventen erlaubt, beruflich auch in andere Bereiche vorzustoßen. Im Vergleich zu vielen anderen akademischen Abschlüssen ist der Raum der Möglichkeiten hier weit. Das eingangs erwähnte Medienrecht ist so ein Feld: „Die meisten größeren Unternehmen wollen heute im Web 2.0 präsent sein“, so Thomas Mike Peters. „Insbesondere Datenschutzfragen spielen dabei eine ziemlich große Rolle.“ Aber auch im Management, in der Politik, im Journalismus, in der PR und vielen anderen Bereichen sind Juristen gefragt. Ein Jurastudium trainiert vieles: Argumentieren, Sprachkompetenz, genaues Arbeiten, Abstraktions- und Durchsetzungsvermögen – all das sind Fähigkeiten, die jeder Arbeitgeber gern sieht. Und im Laufe des Jurastudiums streift man in den verschiedenen Rechtsgebieten die meisten Bereiche der modernen Lebenswelt. Die renommierte Europa-Universität Viadrina formuliert das auf ihrer Internetseite so: „Jura ist so vielseitig wie die Gesellschaft.“


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