Wenn in der Krise alles den Bach runtergeht, profitieren Insolvenzverwalter wie Klaus Reischl. Geliebt werden sie dafür selten – auch wenn sie sich manchmal als Retter fühlen.
Moderne Gemälde schmücken die Wände, die Mittagssonne rückt die hohen Räume des Passauer Altbaus in ein freundliches Licht. Klaus Reischls Büro ist fraglos das, was man als angenehmes Arbeitsumfeld bezeichnen würde. Doch für viele Unternehmer ist es ein trauriger Ort. Ein Ort, den niemand freiwillig aufsucht: die Kanzlei eines Insolvenzverwalters.
Entspannt zurückgelehnt sitzt Klaus Reischl am runden Besprechungstisch seines Büros, vor ihm steht eine große Kanne mit stillem Wasser. Zitronenscheiben schwimmen darin. Er lächelt, hat gute Laune. Kein Wunder, möchte man denken, gelten Insolvenzverwalter doch als Krisengewinner.
Reischl selbst sieht das anders: „Die Krise vermittelt den Eindruck, dass wir Insolvenzverwalter den großen Reibach machen. Das ist aber bis jetzt noch ein Klischee“, sagt er und beugt sich weit über den Tisch, so als wolle er dem Gegenüber ein Geheimnis anvertrauen. Die große Pleitewelle, so Reischl, stehe erst bevor: „In den Sanierungsabteilungen der Banken stapeln sich die Firmenakten, das ist erst die Vorstufe zur Zahlungsunfähigkeit. Man kann davon ausgehen, dass einige dieser Unternehmen bis zum Ende des Jahres noch in die Insolvenz rutschen.“ Klaus Reischl macht keinen Hehl daraus, dass er von der schlechten Lage der Wirtschaft profitiert. Echte Freude bereitet ihm allerdings eine ganz andere Entwicklung: Der Ruf des Insolvenzverwalters scheint sich zu bessern. Während dem Berufsstand lange das Image des Totengräbers anhaftete, gelten Insolvenzverwalter allmählich als Hoffnungsträger. Als Notärzte, die retten, was noch zu retten ist. „Die Menschen begreifen jetzt, dass ein Insolvenzverwalter in erster Linie helfen möchte“, sagt Klaus Reischl. Stolz erzählt er von einem Bäckerei-Inhaber, der ihm aus Dankbarkeit für die Rettung seines Betriebs jede Woche Gebäck ins Büro bringt.
Denn der 43-Jährige kennt auch die unangenehmen Seiten seines Berufs. Das anfängliche Lächeln verschwindet nun aus seinem Gesicht. „Da gab es zum Beispiel den Fall eines italienischen Restaurants mit einem vollkommen chaotischen Schuldner. Er war alkoholabhängig und spielsüchtig“, erzählt Reischl. In solchen Situationen sei es vor allem die Rolle als Psychologe, die ihn immer wieder aufs Neue fordere: Schulterklopfen, Händchenhalten, Perspektiven aufzeigen – all das gehöre zum Beruf des Insolvenzverwalters. „Wir haben allein ein ganzes Jahr gebraucht, um den Mann emotional wieder aufzurichten“, sagt er. In solchen – vermeintlich kleineren – Fällen, die oft nur wenig Vergütung bringen, sei es eine moralische Entscheidung, dem Schuldner und seinen Angestellten zu helfen. Während er das sagt, kramt Reischl in seinen Unterlagen. Er zieht die Insolvenzordnung hervor und beginnt aus Paragraf eins zu zitieren. Vom Erhalt des Unternehmens als oberstem Ziel ist die Rede. Als sich sein Zeigefinger über die Zeilen des Buches bewegt, er seine soziale Verantwortung betont, merkt man, dass Reischl immer noch gegen das Image des Totengräbers kämpfen muss.
Dabei gehe es heute viel stärker um volkswirtschaftliche Folgen als früher, sagt Reischl und fügt hinzu: „Als Insolvenzverwalter bin ich auch Bewährungshelfer. Ich gebe dem Schuldner Zeit, sich wieder im Geschäftsleben zu integrieren. Danach steht er eine Zeit lang unter meiner Aufsicht, auf Bewährung sozusagen.“
Klaus Reischl hat Jura studiert, nach dem Referendariat promoviert, sich habilitiert und war mehrere Jahre als Privatdozent für Bürgerliches Recht, Zivilprozessrecht und Insolvenzrecht an den Universitäten Heidelberg und Passau tätig, wo er auch heute noch einmal die Woche lehrt. Vor fünf Jahren kam der Schnitt. „Wenn Sie die Verwaltungsabläufe an den Hochschulen kennen und wissen, wie traurig ein Professorenbüro von innen aussieht, dann verstehen Sie, dass mich die Wissenschaft mürbe gemacht hat“, erklärt Reischl seine Entscheidung, einen neuen Weg einzuschlagen. Für seine Zukunft in der Selbstständigkeit waren die Jahre an der Universität dennoch ein Vorteil. „Mit meinem wissenschaftlichen Background hatte ich es vergleichsweise leicht, als Insolvenzverwalter Fuß zu fassen. Es war aber auch viel Zufall dabei – ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, sagt er bescheiden.
Ohne Professorentitel ist es für einen examinierten Juristen deutlich schwieriger, sich zu etablieren. In der Regel führt der Weg nach dem zweiten Examen zwar direkt in eine Insolvenzverwalterkanzlei, zunächst allerdings „auf Lehrzeit“, wie Klaus Reischl es nennt. Die Vorschriften sind eindeutig: Innerhalb mehrerer Jahre muss ein angehender Insolvenzverwalter an der Abwicklung von rund sechzig Fällen beteiligt gewesen sein, um zur Fachanwaltsprüfung zugelassen zu werden; erst dann ist der Weg in die Selbstständigkeit frei. „Das ist die Realität. Keiner sperrt heute seine Kanzlei auf und ist morgen schon Insolvenzverwalter“, sagt Reischl. Schließlich müsse man sich nach Erwerb des Fachanwaltstitels mehrfach bewähren, um von den Gerichten dauerhaft berücksichtigt zu werden.
Eine immer wiederkehrende Herausforderung ist auch der Dialog mit den Beschäftigten einer Firma, die im Insolvenzfall vom Arbeitsplatzverlust bedroht sind. In ihren Augen ist Reischl der ungebetene Unheilsbote. „Wenn man zum ersten Mal in einen Betrieb kommt, muss man schon froh sein, wenn man nicht beschimpft und beworfen wird“, sagt Klaus Reischl. Sobald man jedoch das direkte Gespräch auf Augenhöhe suche, den Menschen auch die Chancen erkläre, verfliege das Misstrauen schnell. Richtig schwierig wird es, wenn Entlassungen unvermeidlich sind: „Am Anfang haben mir solche Entscheidungen schlaflose Nächte bereitet. Mittlerweile sehe ich Entlassungen als Ansporn dafür, sie beim nächsten Mal wieder zu vermeiden.“
Wenn man Reischl mit dem Vorurteil konfrontiert, dass Insolvenzverwalter überbezahlt seien, verdreht er die Augen und winkt ab. Zwar könne sein Beruf lukrativ sein, doch zahle er einen hohen Preis dafür: „Wenn ich einen Urlaub plane, ist jedes Mal die Angst da, dass kurz vor der Reise ein Anruf vom Gericht kommt und ich alles abblasen muss“, sagt er. Für die Familie ist dies nicht immer einfach. Reischls vierjährige Tochter hat die Mechanismen seines Berufs bereits durchschaut: „In meiner Freizeit trage ich ab und zu ein pinkfarbenes Hemd. Wenn ich mir morgens ein blaues Hemd anziehe, weiß meine Tochter: Papi muss in die Kanzlei. Das pinkfarbene Hemd ist ihr natürlich viel lieber“, sagt Reischl und lacht ein wenig gequält; für einen Augenblick wirkt er traurig. Er hält kurz inne. Er blickt ins Leere, denkt nach. Dann sagt er: „Aber wenn ich die Menschen, denen ich helfen konnte, auf der Straße treffe, spüre ich Dankbarkeit. Dann merke ich: Ich habe etwas bewirkt. Das ist das Schönste in meinem Beruf.“ Es sind jene Momente, in denen Klaus Reischl sich als Retter fühlen darf. Das Etikett des Totengräbers darf er dann für einen Augenblick abstreifen.
Psychologische Aufbauarbeit und harte Entscheidungen – als Insolvenzverwalter muss Klaus Reischl zu beidem fähig sein. Das Schwerpunkte-Lehrbuch zum Insolvenzrecht von Professor Reischl findest Du hier