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Das Gesetz ...

Gesetze umgeben uns, sie definieren unseren Handlungsspielraum. Man kann sie brechen oder umgehen – wenn man sich traut. Einige Gesetze stehen in keinem Buch, und doch gelten sie. In jeder freischuss-Ausgabe behandeln wir eines davon.

Heute: das Gesetz ... der Wirtschaft.

Bemühen wir doch gleich zu Beginn ein Lieblingsstudentenklischee: Studenten studieren nicht, sondern vertrödeln ihre Zeit hauptsächlich in Kneipen und Cafés. So weit, so unwahr in Zeiten von Bachelor, Master und Generation Praktikum. Nichtsdestotrotz schafft man es hin und wieder in ein Etablissement der Gattung Wirtschaft: Und sei es nur, um sich mit der Examenslerngruppe im Warmen zu treffen oder dort seine Studiengebühren zu verdienen. Allerdings ist man sich selten bewusst, dass in jedem Lokal dieses Planeten nur eine Regierungsform herrscht: die totalitäre Diktatur. Wir erinnern uns: Eine totalitäre Diktatur zeichnet sich durch die Herrschaft eines Einzelnen aus, der keinerlei Freiräume für das Individuum lässt. Interessanterweise koexistieren in einer Wirtschaft zweierlei Lebensformen, die sich beide der Diktatur des anderen unterworfen fühlen. Alles eine Frage der Perspektive. Aus der Perspektive ...



des Gastes

des Servicepersonals


Bepackt mit einem babylonischen Turm aus Tellern und einem Tablett voll von Gläsern, balanciert man zwischen den Tischen hindurch. Niemand macht Platz. Aus der Küche ertönt eine Klingel, der Koch kolportiert damit, dass der Caesar- Salat servierfertig ist; der Barmann pfeift – fünf Milchkaffees drohen an der Bar zu erkalten. Ganz hinten, am wirklich allerletzten Tisch, lässt sich ein Gast nieder. Es ist der einzige Tisch, auf dem noch Geschirr vom Vorgänger steht. Alle Nachbartische sind sauber und abgeräumt. Aber es muss immer der mit Gefechtsresten sein.

Weil der Tellerturm zu stürzen droht, tänzelt man zuerst Richtung Küche, ungeachtet der Tatsache, dass dieser Umstand den sitzenden Diktator erzürnen wird. Unterwegs tippt man noch schnell eine Bestellung in die Kasse, druckt eine Rechnung, füllt Kaffeebohnen nach und bugsiert mit der linken Fußzehe den Mülleimer aus der Bar-Einflugschneise, damit niemand darüberstolpert. Reumütig ob des Umstands, dass der sitzende Diktator eineinhalb Minuten warten musste, eilt man an seinen Tisch. Da weilt er nun auf seinem Thron aus abwaschbarem Plastik und fordert unbedingte Hörigkeit. Er erwartet einen sofortigen Bericht: „Was gibt es zu trinken?“ Pflichtbewusst folgt man dem Befehl mit einem ausführlichen Referat über die Kalt-, Heiß- und Sondergetränke, inklusive Specials und Happy Hour. Leider stellt man den Diktator damit nicht zufrieden. Er fordert eine schriftliche Ausführung. Schnell hetzt man zur nächsterreichbaren Karte, nimmt nebenbei noch drei Bestellungen auf sowie leere Gläser mit und gibt dem Diktator nett lächelnd das Transkript. Reaktion seinerseits: keine. Aber solche Aufmerksamkeit darf man von Machtinhabern auch nicht erwarten. Nur kurze Zeit später wird dieser sowieso durch aufgeregtes Fingerschnippen oder lautes „Eeeentschuuuldigung“ wieder den Fokus auf seine Person richten. Ein Cappuccino mit laktosefreier Milch soll es sein. Geduldig erwidert man, dass diesem Wunsch nicht Folge geleistet werden kann. Das wäre zwar schon vorher aus Getränkebericht und Karte ersichtlich gewesen – aber warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Der Diktator auf dem Stuhl ist sichtlich in Rage und pocht ungehalten auf die alleinige Richtigkeit seiner Weltanschauung: „Das kann nicht sein, das hab ich doch zuletzt erst hier getrunken.“ Da er im Unrecht ist, man ihn aber nicht noch weiter verärgern will, indem man ihm seine Falschaussage mittels eigener Erfahrung – „Es gab hier noch nie laktosefreie Milch!“ – vor Augen führt, unterwandert man das System mit einem Alternativvorschlag: „Wir haben eine ganz tolle Bio-Apfelschorle!“ Glücklicherweise gibt er sich damit zufrieden. Eine Weile später will er zahlen. Leider wollen aber alle anderen Diktatoren auch gerade zahlen, bestellen oder einen Befehl erteilen. Zwickmühle. Die einzige Lösung ist ein chronologisches Abarbeiten der Befehlseingänge, auch wenn der Begriff „Gleichberechtigung“ in einem solchen System nichts anderes als ein netter, aber dummer Versuch ist. Die Strafe folgt postwendend, indem der Diktator auf dem Stuhl einmal mehr das Verhältnismäßigkeitsprinzip ignoriert: „Also, Trinkgeld gibt’s jetzt keins, wenn ihr einfach zu blöd seid, laktosefreie Milch beim Lieferanten zu bestellen.“ Im Anschluss wird mit Geheimpolizei gedroht: „Hier komme ich nicht mehr her, und meinen Freunden werde ich auch sagen, was das für ein unmöglicher Laden ist.“ Herrschaftlich zieht er von dannen, ohne dass man es mitbekommt, schließlich erstrahlt nur eine Tischlänge weiter der nächste Stuhldiktator.

Der geht aufs Haus

Sowohl Gast als auch Kellner sehen sich also offensichtlich seit Jahrzehnten vom anderen unterdrückt, Besserung nicht in Sicht. Macht nichts: Bestimmte Dinge funktionieren trotz eines Klimas aus Angst und Repression einwandfrei. Darauf trinken wir einen. Und der geht aufs Haus.


 Mediadaten FREISCHUSS