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Das Gesetz …

Einige Gesetze stehen in keinem Buch, und doch gelten sie. Seit sieben Jahren behandeln wir in jeder freischuss-Ausgabe eines davon. Deshalb heute: das Gesetz ... der Sieben.


Die Zahl Sieben. Sonnig gelegen zwischen der Sechs und der Acht. Primzahl sowieso. Aber auch Wunderzahl. Keine begegnet uns in unserem Leben so oft und in allen Bereichen wie die Sieben. Das fängt mit dem ersten Atemzug an: Ein Mund, zwei Nasenlöcher, zwei Augen, zwei Ohren – das Erste, was wir wahrnehmen, kommt über sieben Kanäle zu uns. Erste Lebenswoche: sieben Tage. Später die Märchen. Hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen, die sieben Geißlein, sieben auf einen Streich – keine Zahl kann es in wundersamen Zeiten und Legenden mit der Sieben aufnehmen. Das haben sich die Märchenerfinder wahrscheinlich aus den Religionen abgeguckt, denn auch da hat man viel Verwendung für diese Zahl, zumindest immer dann, wenn es wichtig wird: sieben Tugenden und sieben Todsünden, sieben Bitten stehen im Vaterunser, sieben Posaunen gibt es genauso wie die sieben Plagen und so weiter, beinahe langweilig. Warum nicht mal ein Buch mit 15 Siegeln verlegen? Nein, sieben müssen es sein. Die Lieblingszahl der zwölf Apostel jedenfalls war eindeutig die Sieben – es ist erstaunlich, dass sie überhaupt zwölf geworden sind. Bei den anderen Gemeinschaften sieht es ähnlich aus: Allah schuf sieben Himmel und sieben Höllen, und der fromme Muslim muss siebenmal um die Kaaba schreiten. Bei den Juden kennt jeder die Menora, den siebenarmigen Leuchter. Im Buddhismus ist die Sieben auch immer mit dabei, und nur bei den Chinesen ist sie nicht direkt eine Glückszahl, aber schon auch bekannt. Die Sieben also, sie wurde auf heiligsten Wegen gehypt. Sieht man genauer hin, merkt man aber, auch die säkularisierte Welt ist noch geradezu besessen von ihr – die Sieben hat sich in der Mitte der Gesellschaft eingenistet. Wenn wir eine Lieblingszahl zwischen eins und zehn sagen müssen, entscheiden wir uns krampfhaft am häufigsten für die Sieben, nach diesem Reflex ist sogar das Blue-Seven-Phänomen benannt, denn passend zu einer ungewöhnlichen Häufung der Lieblingszahl Sieben haben Verhaltensforscher angeblich auch eine Häufung der Lieblingsfarbe Blau festgestellt. Aber eigentlich ist diese unterbewusste Vorliebe nicht weiter erstaunlich, wenn wir doch unser ganzes Leben lang überall mit der Sieben beworfen werden: sieben Weltwunder, sieben Weltmeere, sieben Minuten, um ein gutes Pils einzuschenken (angeblich – stimmt aber nicht), sieben Kräuter in der berühmten Frankfurter grünen Soße, über sieben Brücken musst du zum Spiel 77 gehen, und das alles gibt’s heute Abend live auf Pro7. Die Sieben ist eine Marktmacht, sie hat sich jedenfalls seit Jahrtausenden besser positioniert als die anderen einstelligen Zahlen (okay, die Eins ist auch recht populär). Irgendwie trauen wir ihr deswegen wohl mehr zu als den anderen. Berühmte Fußballer reißen sich geradezu um die Sieben als Rückennummer: Cantona, Beckham, Ronaldo, Ribéry, Villa, Raul – die Teuersten der Welt laufen am liebsten mit der Sieben auf, aber wahrscheinlich nur, weil irgendeines der Kickervorbilder mal damit angefangen hat – doch was war zuerst da: der gute Fußballer oder die gute Rückennummer?



Dabei sollte man dringend mal mit der Glückszahl Sieben ins Gericht gehen. Den einfachsten Test für Glückszahlen besteht sie nämlich nicht: Bei der Auswertung der gezogenen Samstags-Lottozahlen seit 1955 belegt sie nur einen ziemlich miesen Rang, die Sechs und die Drei zum Beispiel kommen wesentlich häufiger vor. Ist die Sieben also doch nur eine Mogelpackung, eine Zahlenblase die längst zerplatzen müsste. Schaut man genauer hin, geht sie auch häufig leer aus. Die durchschnittliche Zahl der Sexualpartner von Frauen in Deutschland? Acht. Das Getränk 7Up? Trinkt hier doch kein Mensch. Und Beethovens Siebte wird auch für weniger wichtig gehalten als zum Beispiel die Neunte oder die Fünfte. Wichtig ist die Sieben dann wieder beim deutschen Vereinsrecht – wenigstens so viele Gleichgesinnte braucht man nämlich in der Regel, um einen eingetragenen Verein gründen zu können. Aber ist das ein glamouröser Auftritt der Sieben, Grundstein für das biedere deutsche Vereinsleben zu sein? Null!

Genauso wenig, wie der siebte oder der 17. Geburtstag eine besondere Zäsur darstellen, da ist der sechste irgendwie interessanter wegen baldiger Einschulung und der 18. wegen Zugang zum pleasure dome der Erwachsenenwelt. Nein, die Sieben ist oft irgendwie auch nur mittendrin und eben deswegen auch nur Mittelmaß. Für eine Party sind sieben Gäste zu wenig, für ein gemütliches Abendessen eher zu viel. Um sieben Uhr abends kommt im Fernsehen noch nichts Nennenswertes, und um sieben Uhr morgens mussten wir allerspätestens aufstehen, um in die Schule zu kommen, also keine gute Erinnerung. Fazit: Es gibt eindeutig spannendere Uhrzeiten. Und wer will schon bei irgendetwas Siebter sein?

Was sagt das Internet, das ja immer recht hat, wenn es ums große Ganze geht? Mehr als 900 000 000 Google-Treffer listet die Suchmaschine für die Anfrage nach „Seven“ auf. Ganz schön viele, aber „Four“ und noch ein paar andere haben mehr als doppelt so viele. Keineswegs, so scheint es also, ist die Sieben in modernen Zeiten noch das Maß aller Dinge, die anderen Zahlen haben inzwischen deutlich aufgeholt. Mit ihrem Märchen- und Religionsbackground wirkt die Sieben jetzt eigentlich sogar ziemlich altbacken. Wären da nicht die White Stripes, die mit Seven Nation Army der Sieben einen Welthit und Ohrwurm spendiert haben – vielleicht könnten wir sie heute schon fast wie eine ganz normale Zahl behandeln.


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