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Das erste Mal … auf Englisch plädieren

Beim nationalen Finale des Jessup Moot Court hielt Tessa Blindenbacher erstmals ein Plädoyer auf Englisch. Im freischuss erzählt die Düsseldorfer Jurastudentin über das Herzklopfen davor und den Stolz danach. „Honourable Court, my name is Tessa Blindenbacher and I represent …“ Nach diesem Satz hatte ich das Schlimmste schon hinter mir. Das Schlimmste ist der Anfang. Aufstehen. Sich ans Pult stellen. Auf Aufmerksamkeit warten. Das kräftige Herzklopfen unter Kontrolle halten – damit es einem die Sprache nicht völlig verschlägt. Und dann die ersten Worte, ohne zu stocken und mit halbwegs kräftiger, sicherer Stimme hervorbringen. Aber dann hat man es eigentlich geschafft. Die einzigen Stolpersteine könnten noch ein paar mehr oder weniger knifflige Fragen der Richter darstellen, aber mit ein bisschen Training bekommt man das auch hin – das glaubt nur vorher keiner.

So ein Moot Court ist immer eine Herausforderung. Das weiß jeder, der schon mal etwas darüber gehört hat. Deshalb hatte ich Respekt vor dem Moment, als ich das erste Mal mein Plädoyer in einer Fremdsprache halten sollte. Ich hatte sogar das Gefühl, dass das allererste Pleading, obwohl es „nur“ vor unseren Coaches stattfand, noch schlimmer war als das Finale am Ende des Moot Court. Denn da muss man das erste Mal den Absprung schaffen, den Schalter umlegen und auf Englisch die richtigen Worte im richtigen Moment finden.

Ich hatte das Glück, dass ich vor meiner Teilnahme am Jessup Moot Court ein Jahr in England studiert hatte. Es fiel mir deshalb ein wenig leichter, den Schalter umzulegen und die Schwelle zu überwinden. Es war jedenfalls nicht die „fremde“ Sprache, die mich nervös machte, sondern mehr das Plädieren an sich. Die anderen Mitglieder meines Teams hatten zuvor mehr Respekt vor der Sprache. Aber alles in allem kann man sagen, dass am Ende, beim Finale, nicht die Sprache der Faktor war, der uns hauptsächlich nervös machte. Bis zu diesem Zeitpunkt kennt man die benötigten und relevanten Fachbegriffe, hat sie hundertmal im Schriftsatz verwendet, hat sie tausendmal in Probe-Pleadings gebraucht und weiß schon fast nicht mehr, was die deutschen Äquivalente sind.

Die Probe-Pleadings waren sicher ein wichtiger Faktor, um diese Routine zu erlangen. Mein Team und ich haben zur Vorbereitung auf das Finale Probe-Pleadings in diversen Kanzleien gehalten und dabei viele Tricks gelernt. Ein Beispiel dafür ist, die Worte „Well, honourable Court …“ vor die Antwort auf eine knifflige Frage zu schieben, um sich mehr Bedenkzeit zu verschaffen. Auch Pleadings vor Muttersprachlern lassen einen sicherer werden und machen viel Spaß. Letztlich war die Sprache für mich fast der geringste Teil der Herausforderung des Gesamtpakets „Plädieren“.

Ich will nicht sagen, dass die Sprache am Ende gar keine Rolle mehr gespielt hat, aber definitiv eine untergeordnete. Es hat mir sogar besonders viel Spaß gemacht, auf Englisch zu plädieren. Ich möchte fast sagen, dass es mehr Spaß gemacht hat, als ein Plädoyer auf Deutsch zu halten: Es ist ein schönes Gefühl, sich in einer anderen Sprache als der eigenen über ein Thema ohne Einschränkungen unterhalten zu können. Im Falle eines Plädoyers geht es ja sogar noch über ein „Unterhalten“ hinaus. Vielmehr muss man die Richter von einem Argument oder einem Standpunkt überzeugen, was definitiv eine größere Herausforderung ist als eine einfache Unterhaltung. Und wenn man einmal den Dreh raus hat und merkt, wie viel Spaß es macht, auch auf knifflige Fragen ohne Vorbereitung auf Englisch antworten zu können, dann wird man zunehmend selbstsicher und – um ehrlich zu sein – auch ein wenig stolz.

Mein Team ist beim nationalen Finale in Berlin leider nicht nach Washington weitergekommen, wo jedes Jahr das internationale Finale des Jessup Moot Court stattfindet. Aber schon kurz nach der Verkündung des Ergebnisses habe ich die Herausforderung, auf Englisch zu plädieren, bereits vermisst. Und jetzt, da meine Teilnahme am Moot Court bereits ein Jahr zurückliegt, sehne ich mich geradezu danach, noch einmal diese Herausforderung anzunehmen und ein weiteres Mal auf Englisch plädieren zu dürfen.

„With this and if there are no further questions, I would like to conclude my argument and thank you very much for your kind attention!“


 Mediadaten FREISCHUSS
 


Tessa Blindenbacher

Der Jessup Moot Court ist der älteste und größte völkerrechtliche Wettbewerb weltweit in englischer Sparche. Bei einem Moot Court handelt es sich um ein fiktives Gericht, vor dem Studierende Plädoyers halten und von Rechtsexperten bewertet werden.