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Das erste Mal … Bundesliga-Schiedsrichter

Jedes Wochenende pfeift Rechtsreferendar Tobias Stieler, 29, in den größten Fußballarenen Deutschlands. Sein Motto in Kanzlei und Stadion ist das gleiche: Expect the unexpected!


Ein Sonntag im August 2009: Der SC Paderborn spielt in der 2. Fußball-Bundesliga gegen den 1. FC Kaiserslautern. Nur noch wenige Minuten bis zum Anpfiff. Draußen in der Arena warten knapp 10 000 Fans. Ich sitze mit meinen Assistenten in der Kabine. Es ist absolut still. Die Konzentration ist auf dem Höhepunkt, die Anspannung greifbar. Viele Gedanken schießen mir durch den Kopf: Werde ich dem Druck standhalten? Dem Druck der Öffentlichkeit, der Medien, der Vereine. Und vor allem: Werde ich meinen eigenen Ansprüchen gerecht? Welche Spielertypen erwarten mich? Welche Entscheidungen muss ich treffen? Als Schiedsrichter steht man vor der Herausforderung, das Unvorhersehbare, das Unberechenbare zu bewältigen. Nach dem Motto: Expect the unexpected!

Rückblende. Fast auf den Tag genau 15 Jahre zuvor. Ein F-Jugend-Spiel in Obertshausen. Auch damals saß ich in einer Kabine, draußen regnete es in Strömen. Ein paar Tage zuvor hatte ich meine Schiedsrichterprüfung abgelegt, jetzt sollte ich mein erstes Match pfeifen. Auch damals hatte ich viele Gedanken, doch es waren andere als vor dem Spiel in Paderborn: Welche Vergehen ziehen einen direkten Freistoß nach sich? Wann gibt es einen indirekten Freistoß? Nervös, fast eingeschüchtert zog ich das Regelheft aus der Tasche, las mir die Kapitel Verbotenes Spiel und Unsportliches Betragen durch. Immer und immer wieder.

In all den Jahren dazwischen wurde ich oft gefragt: Was macht die Faszination der Schiedsrichterei aus? Die Antworten sind simpel: Ich habe eine verantwortungsvolle Position inne, muss binnen Sekunden Entscheidungen treffen und nach dem Spiel dazu stehen. Egal, ob falsch oder richtig. Anders ausgedrückt: Die Schiedsrichterei ist eine Persönlichkeitsschule. In weniger als 90 Minuten muss ich 22 Menschen mit unterschiedlichen Charakterzügen einschätzen lernen. Nicht jeder Spieler ist gleich, also muss jeder Spieler anders „behandelt“ werden. Man lernt, sich gegen Widerstände durchzusetzen, den eigenen Standpunkt zu vertreten, sich Kritik zu stellen. Und man entwickelt den Willen, sich immer wieder zu hinterfragen, sich immer weiter zu verbessern.

Als ich mich mit 14 Jahren entschloss, nicht nur Fußball zu spielen, sondern auch Spiele zu pfeifen, wusste ich von dieser Faszination natürlich noch nichts. Doch bald merkte ich: Als Schiedsrichter ist man Exekutive und Judikative zugleich. Ermittler, Ankläger und Urteilender in einer Person. Was lag da näher, als ein Jurastudium zu beginnen? So ist es dann auch gekommen. Inzwischen habe ich das erste Staatsexamen hinter mir, bin im Referendariatsdienst angelangt und habe festgestellt, dass der Beruf des Schiedsrichters und der des Juristen viele Parallelen haben: Man muss auf unerwartete, nicht planbare Geschehnisse adäquat und konsequent reagieren. Man muss sich in beiden Berufen des Dilemmas bewusst sein, dass man es nicht allen Beteiligten recht machen kann. Man braucht als Schiedsrichter wie als Jurist ein sicheres und selbstbewusstes Auftreten, man muss sich der eigenen Wirkung bewusst sein. Denn für beide Berufe gilt: Das Gespür für den Menschen, egal ob Spieler, Mandant, Beschuldigter oder Angeklagter, ist – neben der Kenntnis des Rechts – die wichtigste Eigenschaft, damit man seinen Job gut machen kann.

Es ist natürlich nicht immer einfach gewesen, Studium und Referendariat damit zu vereinbaren, jedes Wochenende auf dem Platz oder an der Seitenlinie in den Stadien der ersten und zweiten Liga zu stehen. Ein Fußballspiel dauert eben nicht nur 90 Minuten: Neben dem täglichen Fitnesstraining, regelmäßigen Spielbesuchen, sorgfältiger Spielvorbereitung und Videoschulungen gehört auch der Austausch mit den Kollegen zum Tagesgeschäft. Doch wenn man etwas mit Leidenschaft und Begeisterung tut, dann spielt Zeit keine Rolle. Ich mache es einfach gern.

Zurück nach Paderborn. Es geht los, ich führe die Mannschaften auf das Spielfeld. Die Einlaufhymnen dröhnen aus den Lautsprechern, die Zuschauer jubeln. Ich bekomme Gänsehaut. Erst als ich das Spiel abpfeife, löst sich die Anspannung: Ich habe mein erstes Match in der zweiten Liga bewältigt. Es war ein faires Spiel ohne knifflige Entscheidungen. Und auch die Fußballprofis haben mich sofort als Neuling an der Pfeife akzeptiert. Nach der Videoanalyse genieße ich mit meinem Team ein Feierabendbier. So ähnlich war das damals auch nach dem F-Jugend- Spiel in Obertshausen. Nur hatte ich damals keine Begleitung, und auch das Getränk war ein anderes: Ich prostete mir selbst mit Wasser zu.


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