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Zwischen Sport und Mord

Hauptamtlich ist Hans E. Lorenz Vorsitzender Richter am Mainzer Landgericht. Im Nebenjob sorgt er für Recht und Ordnung in der Welt von Ribéry, Özil und Podolski:

Hans E. Lorenz ist oberster Sportrichter beim Deutschen Fußball-Bund.


Wenn Hans E. Lorenz spricht, schaut er sein Gegenüber von oben herab an. Das ist kein Zeichen von Arroganz, es hat allein mit der Sitzhöhe seines Bürostuhls zu tun. Und doch verrät diese Haltung viel über seine Funktion: Lorenz ist oberster Richter des Deutschen Fußball- Bundes. Von seinem Schreibtisch aus entscheidet er über Sperren für Ribéry, Özil und Podolski. Er entscheidet über Strafen nach Fan-Ausschreitungen, über Dopingfälle, bei Wettskandalen. Es ist ein Ehrenamt, das zuweilen mehr Amt ist als Ehre. Ein Freizeitjob, der wenig Zeit für Hobbys lässt.
„Ich finde es wichtig, dass ein Richter Abwechslung hat. Egal, ob er im Kirchenchor singt, Kaninchen züchtet oder – wie ich – für den DFB arbeitet“, sagt Lorenz ohne jede Ironie.
In seinem winzigen Büro am Mainzer Landgericht wirkt der 60-Jährige noch größer, als er ohnehin schon ist. Vielleicht zwölf Quadratmeter misst sein Arbeitsraum, kaum Farbe ist zu sehen. Bunt sind allein die Fußballmagazine, die auf dem Fenstersimsliegen: Sport Bild und Kicker. Irgendwie unwürdig erscheint dieses Kämmerchen, ist Lorenz doch im Hauptberuf Vorsitzender Richter am Landgericht und in Juristenkreisen eine kleine Berühmtheit. Das größte Aufsehen erregte er Mitte der Neunzigerjahre, als er im Rahmen der „Wormser Prozesse“ über organisierten Kindesmissbrauch entschied.

Kann man den Fußball überhaupt ernst nehmen, wenn man täglich mit Vergewaltigung, Raub und Mord zu tun hat? „Natürlich. Ich bin hier wie da Richter“, sagt Lorenz und klopft einmal mit der linken und einmal mit der rechten Hand auf den Tisch. In gewisser Weise sei der Job als Fußballrichter zwar willkommener Ausgleich zu den Strafprozessen am Landgericht, „aber die Verfahren sind in beiden Fällen sehr ähnlich“. Um dies zu belegen, dreht sich Lorenz samt Bürostuhl nach hinten und greift aus einem guten Dutzend juristischer Fachbücher zwei Ordner mit grünweißem DFBLogo heraus: die Satzung und Ordnungen des Deutschen Fußball-Bundes. Während Lorenz die eng bedruckten Seiten durch die Finger gleiten lässt, spricht er von unsportlichem Verhalten, von rohem Spiel, von krasser Sportwidrigkeit. Von all jenen Begriffen, die man vor allem aus der Schiedsrichtersprache kennt. „Die Standards hab ich ja drauf“, sagt er, „aber wenn es um Dopingfälle oder Ähnliches geht, schau ich immer mal wieder in die Ordner rein.“ Mehr Zeit als über den DFB-Ordnern verbringt Sportrichter Lorenz allerdings vor dem Fernseher: 18 Erst- und Zweitligapartien finden in jeder Woche in Deutschland statt. „Dass ich all die wichtigen Sportsendungen sehen muss, das belastet das Wochenende natürlich. Ich gucke gern freiwillig Fußball, aber wenn ich dann muss, empfinde ich es manchmal schon als Belastung.“ Zumal seine Kinder keine begeisterten Fußballfans sind, wie Lorenz verrät.

Nach dem Fernsehmarathon am Wochenende beginnt für den Richter die eigentliche Arbeit. Wenn er Montag früh das kleine Büro im Landgericht betritt, hat Lorenz oft schon viele Nachrichten auf der Mailbox seines DFB-Handys, in umstrittenen Fällen rufen Bayern-Präsident Uli Hoeneß oder Bremens Manager Klaus Allofs schon mal persönlich an. Alle wollen das Gleiche von ihm: Gnade für die Rot-Sünder des vergangenen Spieltags. Beeinflussen lässt sich Lorenz davon nicht: „Der DFB-Kontrollausschuss ist sozusagen der Staatsanwalt, der mir die Strafanträge serviert. Allein diese Anträge, der Bericht des Schiedsrichters und das, was ich am Wochenende im Fernsehen gesehen habe, sind Grundlage meiner Entscheidungen. Nichts anderes“, erklärt er. Für das Bemühen von Hoeneß, Allofs und Co. hat Lorenz trotzdem Verständnis: „Wenn ein Per Mertesacker nach einer Roten Karte gesperrt wird, kann das für Werder Bremen im nächsten Spiel entscheidende Konsequenzen haben. Dass der Manager für einen so wichtigen Spieler alle Register zieht, ist doch klar. Aber nur weil jemand ein eigentlich fairer und netter Kerl ist, kann ich keine Ausnahmen machen. Sonst kriegen wir die Tür, die wir aufmachen, beim nächsten Mal nicht mehr zu.“

Die meisten Entscheidungen trifft Lorenz an seinem Schreibtisch, dann informiert er die betroffenen Vereine. Wenn ein Klub die Strafe für einen Spieler jedoch nicht akzeptiert, kommt es zur mündlichen Verhandlung. Oft gehe es dabei richtig zur Sache, sagt Lorenz: „Bei Verfahren am Landgericht liegt die Tat meistens schon Monate zurück, am Sportgericht ist das anders. Die Vorfälle sind noch frisch, die Emotionen noch nicht abgeklungen. Und deswegen bewegen sich Fußballer und Vereinsvertreter in den Verhandlungen oft an der Grenze des noch Anständigen – sowohl in der Lautstärke als auch im Ton.“

Ob ihn nach harten Urteilen ein schlechtes Gewissen plage? „Nein“, sagt Lorenz entschieden. Dennoch habe es auch in der letzten Saison einen Fall gegeben, den er als unangenehm empfand: eine Tätlichkeit des Nürnberger Torwarts Raphael Schäfer. „Beim Urteil war mir klar, dass der Nichtabstieg des 1. FC Nürnberg maßgeblich vom Strafmaß abhängen kann. Wir haben ihn dann für vier Spiele gesperrt, und ich musste am Fernseher verfolgen, wie Nürnberg diese vier Spiele allesamt verlor“, sagt Lorenz. Wäre der Verein tatsächlich abgestiegen, hätte das den 1. FC Nürnberg Millionen gekostet, Arbeitsplätze wären verloren gegangen. Von solchen Gedanken müsse man sich aber frei machen, sagt Richter Lorenz, „sonst kann ich am nächsten Tag nicht mehr in den Spiegel schauen“.

Dass Hans E. Lorenz all die Kritik, Zweifel und Diskussionen freiwillig auf sich nimmt, lässt sich mit seiner Leidenschaft für den Sport erklären. Als Schüler gehörte er zu den landesweit besten Leichtathleten und berichtete für die Lokalzeitung von Fußballspielen. Als Student und Referendar arbeitete er für den Südwestfunk und moderierte danach sieben Jahre lang eine Sportsendung im Fernsehen. Zwar entschied er sich letztlich für die Juristerei, doch auf den Sport wollte er im Beruf ebenso wenig verzichten wie in der Freizeit. Nachdem er zunächst am Verbandsgericht des südwestdeutschen Fußballverbandes tätig war, wurde er später Beisitzer im DFB-Sportgericht. Seit knapp drei Jahren ist er Vorsitzender.

Seine Fan-Begeisterung muss Lorenz als Sportrichter allerdings ausblenden: „Ich bin ohnehin ein eher distanzierter Typ. Wenn Deutschland bei der WM ein Tor schießt, bleibe ich sitzen, während alle anderen aufspringen.“ Über Strafen für seinen Heimatverein FSV Mainz will Lorenz trotzdem nicht entscheiden: „Ich wäre objektiv genug, um auch die Mainzer zu verhandeln. Aber falls ich eine Entscheidung treffen müsste, die den FSV Mainz zum Abstieg zwingt, brauche ich mich hier in der Stadt nicht mehr sehen zu lassen. Und umgekehrt will ich mir nicht vorwerfen lassen, ich würde die Mainzer bevorzugen.“

Das Fan-Sein sei freilich freudvoller als seine Tätigkeit als Sportrichter, sagt Lorenz: „Es fällt manchmal schwer, die emotionale Nähe zum Sport zu unterdrücken, die man als Fan gern hätte. Als Journalist war ich früher bei Aufstiegsfeiern mittendrin, als Richter muss ich jetzt auf Distanz bleiben. Der Spaß ist da nachrangig.“ Auch das Privatleben leide ab und zu wegen des hohen zeitlichen Aufwands als DFBSportrichter, und für aktiven Sport bleibe wenig Zeit. Doch er kenne seine Belastungsgrenzen, könne gut mit der Medienkritik an seinen Urteilen umgehen. „Aber es stimmt schon: Es ist manchmal ein schwieriger Job“, sagt Lorenz mit ernster Stimme. Wenn man ihn fragt, weshalb er sich trotzdem für diese Aufgabe entschieden hat, flüchtet sich Lorenz in Ironie: „Ich werde das ja immer wieder gefragt: Wie wird man denn Sportrichter? Ich sage dann gern: Man muss ein Superjurist sein, hundert Länderspiele gemacht haben und noch dazu gut aussehen. Da haben sie beim DFB keinen gefunden, also haben sie mich genommen.“ Lorenz weiß selbst, dass das keine befriedigende Begründung ist, aber vielleicht drückt seine Antwort schlicht die Undankbarkeit aus, die trotz aller Faszination stets Teil des Richterberufs ist.

Nach zwei Stunden Gespräch blickt Lorenz auf die Uhr, erinnert daran, dass er heute Abend mit den Kollegen zum Laufen verabredet sei. Kein Wettkampf sei das, allein die Freude am Sport stehe im Mittelpunkt. Auf seinem DFB-Handy wird er dann für ein paar Stunden nicht erreichbar sein, auch die Strafakten müssen ruhen. Für den Richter Lorenz ist dann Feierabend, für den Sportler Lorenz geht der Tag erst richtig los.


 Mediadaten FREISCHUSS