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| „In Fernbeziehungen wird seltener fremdgegangen“ |
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Wer sich als Erasmus-Student verliebt, für den ist das Ende eines Auslandssemesters oft der Beginn einer Fernbeziehung. Kann Liebe so funktionieren? Fanny Jimenez erforscht Fernbeziehungen. Im Interview spricht sie über die Chancen und Gefahren einer Liebe auf Distanz.
freischuss: Gibt es die typischen Fehler, die Paare in einer Fernbeziehung machen? Fanny Jimenez: Fernbeziehungen scheitern aus den gleichen Gründen, aus denen auch alle anderen Beziehungen scheitern: an unkonstruktiver Kommunikation, besonders in Konfliktsituationen, an emotionaler Verschlossenheit eines Partners – oder beider –, an fehlender Empathie und grundsätzlicher Negativität im Umgang miteinander. Der einzige fernbeziehungstypische Faktor ist, dass manchmal eine gemeinsame Perspektive fehlt, was zur Trennung führen kann. Dies liegt dann jedoch nicht an der Form der Beziehung an sich, sondern an der Bereitschaft beider Partner, die Fernbeziehung in eine Nahbeziehung zu verwandeln.
Angenommen, ein Paar zeigt diese Bereitschaft. Es hat einige Monate oder sogar Jahre Fernbeziehung erfolgreich überstanden und will nun gemeinsam leben. Woran kann die Beziehung jetzt trotzdem scheitern? Genau daran! Das Zusammenziehen kann sehr kritisch sein. Viele Paare, etwa ein Drittel, trennen sich relativ schnell innerhalb weniger Monate. Der Grund kann die Idealisierung des Partners sein, die typisch für Fernbeziehungen ist. Sie ist eine Art Schutzmechanismus während der Distanzbeziehung. Beim Zusammenziehen erfolgt dann die Ernüchterung. Dadurch werden Konflikte verschärft und das Aufgeben der Beziehung beschleunigt. Übergänge sind immer kritisch, besonders wenn die Hoffnungen groß sind und die zeitlichen und finanziellen Investitionen in die Beziehung sehr intensiv waren.
Wird in Fernbeziehungen häufiger fremdgegangen? Nach dem Motto „Was sie nicht weiß …“ Unsere Studie zeigt nicht nur, dass Partner in Fernbeziehungen genauso oft beziehungsweise sogar geringfügig seltener fremdgehen als andere Paare, sondern auch, dass es dabei weniger Persönlichkeitsunterschiede gibt: Bei zusammenlebenden Paaren hängt es stärker von Persönlichkeitsunterschieden ab, wer fremdgeht und wer nicht, bei den Fernbeziehungen gehen jedoch alle Partner, unabhängig von ihrer Persönlichkeit, etwa gleich oft fremd. Einen interessanten Aspekt gibt es aber: Es scheint, als gingen Männer in Nahbeziehungen sogar etwas häufiger fremd als in Fernbeziehungen. Das klingt zunächst paradox, lässt sich aber damit begründen, dass die Idealisierung des Partners und die Angst um die Beziehung die Attraktivität eines Seitensprungs deutlich mindern. Möglicherweise erhöht eine Fernbeziehung auch die emotionale und moralische Bindung an den Partner, was dazu führt, dass man sie unter keinen Umständen gefährden möchte.
Was sind die größten Probleme bei Fernbeziehungen? Je weiter der Partner entfernt ist und je seltener man sich sieht, desto größer ist die emotionale Belastung. Diese nimmt übrigens mit der Dauer der Fernbeziehung eher zu als ab. Bei sehr langen Fernbeziehungen mit eher seltenen Besuchen können Schlaf- und Konzentrationsstörungen auftreten, gelegentlich auch depressive Verstimmungen. Der Partner, der ja eigentlich die Aufgabe hat, im Alltag unser emotionaler Anker zu sein, fehlt oft. Fernbeziehungspaare machen sich auch sehr viele Gedanken um die Stabilität der Beziehung. Natürlich ist auch Vertrauen in die Treue des Partners oft ein großes Thema. Weitere Nachteile sind die hohen Kosten und oft die fehlende Einbindung in ein soziales Netzwerk. Die Wochenenden gehören dem Partner, und das kann Probleme mit dem Umfeld verursachen.
Gibt es eine Regel, wie oft man sich sehen sollte, damit die Beziehung funktioniert? Paare, die sich regelmäßig seltener als einmal im Monat sehen, laufen Gefahr, eine eigene Welt zu entwickeln, in welcher der der Partner nur sehr begrenzt Platz hat. Neben den oben erwähnten depressiven Verstimmungen kann sich darum auch Wut auf den jeweils anderen entwickeln. Dann wenden sich die Partner an andere Personen, um die fehlende Nähe zu kompensieren. Das kann der Beziehung ebenfalls gefährlich werden. Hinzu kommt: Je weniger bei diesen Beziehungen die Möglichkeit zur Kommunikation über Telefon, Video oder SMS gegeben ist, desto schlechter geht es dem Partner.
Fernbeziehungen sind für die meisten Paare sicher anstrengend. Aber haben sie auch Vorteile? Fernbeziehungspaare sind in der Regel gezwungen, einander zuzuhören, und bemühen sich sehr, die Kommunikation innerhalb der Beziehung positiv und befriedigend zu gestalten. Das gilt besonders für Konflikte. Weitere Vorteile sind die Autonomie und geringere „Abnutzungserscheinungen“ innerhalb der Beziehung. Die Partner erleben sowohl die Zeit ohne den andern als auch die Zeit mit ihm als erfüllend, da es genau abgesteckte Zeiträume für Job und Beziehung gibt.
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