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| Soll man Doping im Sport legalisieren? |
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Im Profisport geht es längst um mehr als nur um den Sieg. Es geht um viel Geld. Mit der Kommerzialisierung des Sports haben die Dopingfälle zugenommen, die Chancengleichheit leidet darunter. Ist eine Legalisierung von Doping sinnvoll, um wieder gleiche Bedingungen herzustellen? Staatsrechtler Prof. Dr. Wolfram Höfling und Ex-Verfassungsrichter Prof. Dr. Udo Steiner vertreten gegensätzliche Standpunkte. Ein Fall für zwei.
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Prof. Dr. Wolfram Höfling, 56, ist Direktor des Instituts für Staatsrecht der Universität zu Köln und Mitherausgeber des Buchs „Doping – warum nicht?“ |
Prof. Dr. Wolfram Höfling findet: Solange Doping von einsichtsfähigen Erwachsenen praktiziert wird, ist dies im grundrechtlichen Sinne ein Ausdruck von menschlicher Freiheit. Ein Plädoyer gegen die Scheinheiligkeit in der Sportpolitik.
Sport und Gesellschaft leben heute in einer überaus engen Symbiose. Das olympische Motto des „Höher, schneller, weiter“ ist zugleich Maßstab für eine weitgehend durch die Bipolarität von Sieg und Niederlage, Erfolg und Misserfolg geprägte Gesellschaft. Für Millionen von Menschen gehört es heute zum Alltag, der Stimmung, dem Gedächtnis, dem Appetit, der Libido, dem Schlaf usw. pharmakologisch auf die Sprünge zu helfen.
Der weltweite Markt für Lifestyle-Drugs wächst rasant. Warum sollte es bei einem Spitzensportler ein Zeichen moralischer Verkommenheit sein, wenn er seinerseits zu (verbotenen?) Mitteln der Leistungssteigerung greift?
Vor dem Hintergrund einer derart „verdopten“ Gesellschaft ergibt sich die Begründung für die Forderung nach einem „sauberen“ Sport keineswegs von selbst. Und gerade die besten Sportler mögen es als moralisch entschuldbar ansehen, selbst zu dopen, wenn sie den begründeten Verdacht haben, dass weniger begabte Konkurrenten es ebenfalls tun und möglicherweise unentdeckt bleiben. Selbst die Zentrale Ethikkommission bei der Bundesärztekammer räumt ein, dass keines der gängigen ethischen Argumente gegen das Doping – nämlich die Gefährdung des Sinngehalts des Sports und der Chancengleichheit, das schlechte Beispiel, Gesundheitsrisiken, die Vergesellschaftung von Schäden – für sich genommen so durchschlagend sei, dass aus ihm ein Verbot des Dopings unmittelbar abgeleitet werden könne.
In einer grundrechtlichen Perspektive kommt hinzu, dass die leistungssteigernde Beeinflussung des eigenen Körpers – solange und soweit sie von einsichtsfähigen Erwachsenen praktiziert wird – Ausdruck von (formaler) Freiheit ist. Deren Regulierung durch den Staat erweist sich daher als rechtfertigungsbedürftiger Grundrechtseingriff. Im Hinblick auf die damit verbundene Problematik hat es ein USamerikanischer Skistar auf folgende zynisch- resignative Weise formuliert: „Entweder leben wir in einer Doping-freien oder in einer freien Gesellschaft – beides gleichzeitig geht nicht.“
Auch wenn man diese Position nicht teilt und die unbestrittene Schutzpflicht des Staates bejaht, gesundheitsgefährdende Manipulationen bei solchen Personen zu verhindern, denen die Einsichtsfähigkeit in die Gefährlichkeit ihres Tuns fehlt, bedarf es der kritischen Aufmerksamkeit, wenn die (Sport-)Politik sich von Scheinheiligkeiten und Selbsttäuschungen leiten lässt.
Wir sollten unseren Blick vielleicht verstärkt lenken auf die Rolle der Medien in ihrem komplexen Zusammenspiel mit dem Sportpublikum und handfesten Wirtschaftsinteressen; und jeder Einzelne sollte sich selbst ehrlich fragen, ob er nicht auch lieber die sensationellen „übernatürlichen“ Sportleistungen (selbstverständlich „natürlich“ erbracht) miterleben möchte anstelle von sportlicher „Hausmannskost“. |
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Prof. Dr. Udo Steiner, 70, Universität Regensburg, war von 1995 bis 2007 Richter des BVerfG. Mit Dopingfragen ist er in Kommissionen des Deutschen Olympischen Sportbundes beschäftigt. |
Prof. Dr. Udo Steiner findet: Der Wettbewerb soll ermitteln, was ein Athlet leisten kann. Ein Plädoyer gegen Doping im Sport.
Doping im Sport – das scheint heute zu heißen: mittendrin statt nur dabei. Der Sport steht unter Generalverdacht. Kraftund Ausdauersportarten sind besonders gefährdet, Sportarten – wie Fußball – mit hohem „Koordinationsbedarf“ eher weniger, weil sich der sportliche Erfolg durch eine Kombination von Eigenschaften und Fähigkeiten einstellt. Staat und Sport haben Doping den Kampf angesagt. 200 000 Dopingkontrollen wurden 2006 weltweit durchgeführt. Die Zahl ist seitdem steigend. Sie kosten viele Millionen Euro oder Dollar. Große Labore, auch in Deutschland, untersuchen Proben, verbessern Analyseverfahren, forschen präventiv. Ein Heer von Juristen ist mit Dopingsanktionen beschäftigt, formuliert schiedsgerichtliche Urteile, die sich lesen wie Doktorarbeiten der Biochemie. Die allerbesten Sportler, in Testpools zusammengefasst, müssen der jeweils zuständigen Anti-Doping-Stelle für ein Quartal im Voraus mitteilen, wo sie sich wann aufhalten. Dopingkontrollen sind intensive Eingriffe in die Intimsphäre. Ob der Kampf gegen Doping erfolgreich ist, ist offen. Es gibt beachtliche Fortschritte. Der Blutpass gehört dazu. Aber wir wissen nicht genau, wo wir in diesem Kampf stehen.
Lohnt sich der Aufwand? Sollte man nicht – wie in der Nobelpreispraxis – die Besten im Sport erst nach Jahrzehnten für ihre Spitzenleistung ehren, wenn wir zuverlässig wissen, dass ihre Leistung redlich war, gegebenenfalls postum, nach Einschaltung eines Pathologen? Noch radikaler: Soll man Doping im Sport legalisieren? Nein, man sollte nicht. Der Weg zur „Legalisierung“ ist nicht einfach. Es gilt nicht nur, die Regeln des Sports zu ändern. Die Freigabe des Besitzes von Kokain und Cannabinoiden zugunsten des Sportlers durch Änderung des Betäubungsmittelgesetzes wird verfassungsrechtlich und rechtspolitisch nicht möglich sein. Im Arzneimittelrecht lässt sich der Sportler schon eher von Strafe freistellen. Er macht sich ohnehin nur strafbar bei Besitz von nicht geringen Mengen an Substanzen für Dopingzwecke. Man wird dann allerdings konsequenterweise auch das „Umfeld“ des Sportlers entkriminalisieren müssen, das, effizient und international organisiert, Dopingmittel für den Sport massenhaft in den Handel bringt. Ähnliche Probleme hat bekanntlich die „Legalisierung“ der Prostitution aufgeworfen. Der sportliche Wettbewerb würde durch die Freigabe von Doping noch mehr verfälscht sein. Je höher das Einkommen, das der Athlet durch Sport erzielt, umso mehr wird er vom medizinischen und pharmazeutischen Fortschritt Nutzen ziehen können. Innovationen wollen bezahlt sein. „Die Faszination des Sports erwächst aus der Authentizität der Leistung“, sagte Eike Emrich. Der Wettbewerb soll ermitteln, was der Athlet aufgrund von Anlagen, Training und Lebensführung sportlich zu leisten vermag. Das ist es, was die Menschen interessiert, nicht die Möglichkeiten von Medizin und Naturwissenschaften, diese Leistung zu steigern oder zu verstetigen. Der Sport will Doping nicht, weil es die Integrität des Wettbewerbs zerstört. Doping ist eine tendenziell tödliche Krankheit des Spitzensports mit Aussicht auf Heilung. Erlaubt man dem Sport dagegen Doping, ist er tot. Er verliert sein Publikum, nicht zuletzt das, das ihm die Medien vermitteln. Ist Doping erlaubt, ist die Athletenwertung nicht mehr interessant. Der Athlet ist dann tendenziell eine synthetische Figur. Ersetzt wird die Athletenwertung durch eine Pharmawertung, ähnlich der Konstrukteurswertung in der Formel 1. Dies wollen die Sportler nicht und noch weniger diejenigen, die dem Sport zugewandt sind. |
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