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„Mein Jurastudium war eine Art Selbstversuch“

Für die Jubiläumsausgabe besuchte der freischuss Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in Berlin. Mit der Studentin Sophia Heckschen sprach sie über das Jurastudium damals, heute und morgen, über ihre Studentenjobs, und sie verriet, warum es manchmal besser ist, sich auf den Zufall zu verlassen.

Sophia Heckschen: Frau Leutheusser- Schnarrenberger, warum lohnt es sich, heutzutage Jura zu studieren?

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger:
Es gibt viele gute Gründe, Jura zu studieren. Manche Studierende möchten sich ganz grundsätzlich mit Rechtsfragen, Rechtsphilosophie und Rechtsgeschichte beschäftigen. Aber die Mehrheit studiert Jura wohl deshalb, weil es eine Ausbildung ist, die viele berufliche Möglichkeiten eröffnet. Man kann Anwalt werden oder Richter, man kann als Jurist in einer Behörde, in einem Unternehmen, etwa bei Versicherungen oder im Bankenbereich arbeiten. Und wer die Qualifikation im internationalen Recht sucht, der hat die Chance, etwa bei EU-Institutionen eine Aufgabe zu finden. Diese Breite an Möglichkeiten ist wohl die größte Attraktivität eines Jurastudiums.

War das auch der Grund, weshalb Sie einst Jura studiert haben?
Ich komme aus einem rein juristischen Elternhaus, bin Juristin in der fünften Generation. Meine Entscheidung für das Jurastudium war deshalb eine Art Selbstversuch, um für mich zu klären: Liegt mir Jura oder nicht? Das erste Semester habe ich als Schnupperstudium betrachtet, weil ich mir nicht sicher war, ob ein Französischstudium nicht doch die bessere Alternative gewesen wäre. Ich habe dann schnell gemerkt, wie wichtig analytisches Denken im Jurastudium ist. Und das wollte ich unbedingt lernen.

In einigen Bundesländern wurden die Studienbeiträge wieder abgeschafft. Gerade im arbeitsintensiven Jurastudium bedeutet das eine große Entlastung für die Studenten. Warum halten Sie die Studienbeiträge nach wie vor für richtig?
Wenn die Studienbeiträge unmittelbar den Bedingungen des Studiums zugutekommen, halte ich sie für vertretbar. Aber ich halte es für entscheidend, dass niemand durch Studienbeiträge am Zugang zum Studium gehindert wird.

Mussten Sie Ihr Jurastudium selbst finanzieren?
Ich musste es nicht selbst finanzieren, trotzdem habe ich während des Studiums immer gearbeitet. Gerade in den Semesterferien habe ich gejobbt: Ich war in Zeitungsredaktionen und habe als Lektorin gearbeitet. Ich habe aber auch im Supermarkt Inventur gemacht. Das hat mir nicht geschadet, und ich habe ein paar Wochen lang ordentlich verdient.

Jura gehört zu den wenigen Studiengängen, die der Bologna-Reform noch nicht unterzogen wurden. Besteht die Gefahr, dass deutsche Studenten dadurch den internationalen Anschluss verpassen?
Nein, diese Gefahr sehe ich nicht. In anderen Studienfächern steht schon wieder ein Fragezeichen hinter Bologna. Gerade im Jurastudium ist die Überlegung berechtigt, ob wir nicht längst eine erfolgreiche Alternative zu Bachelor und Master praktizieren.

Sie halten also das Jurastudium in Deutschland für so gut, dass man daran nichts ändern muss?
Das deutsche Studienmodell wurde ja in der Vergangenheit immer wieder an neue Anforderungen angepasst und hat sich inhaltlich weiterentwickelt. Auch im 21. Jahrhundert hat das deutsche Jurastudium noch viele Vorzüge. Auf den Konferenzen der Justizminister steht das Thema Bologna- Reform ja immer wieder auf der Tagesordnung. Und im Grunde sind sich auf Länderebene alle Koalitionsregierungen über diese Vorzüge einig.

Trotzdem gibt es inzwischen auch bei den Rechtswissenschaften einige Bachelor-Studiengänge. Klassische juristische Berufe kann man damit aber nicht ausüben. Wo sehen Sie den Sinn eines solchen Studiums?
In Kombination mit einem anderen Studienfach, zum Beispiel aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften, kann es durchaus sinnvoll sein, sich auf diese Weise gewisse juristische Kenntnisse anzueignen. Für viele klassische juristische Berufe reicht diese Ausbildung aber nicht. Daher sollten sich Studienanfänger vorher genau überlegen, was sie hinterher mit diesem Abschluss machen möchten.

Wie beurteilen Sie denn ganz allgemein die Arbeitsmarktchancen für Juristen?
Es kann natürlich nicht jeder Richter werden, aber die Arbeitsmarktchancen halte ich für gut. Generell darf man sich zu Beginn des Studiums nicht daran orientieren, wie es in genau diesem Moment mit den Berufschancen aussieht. Denn das ändert sich unglaublich schnell. Zu Studienbeginn können die Chancen schlecht sein, und vier, fünf Jahre später gibt es eine riesige Nachfrage nach Juristen. Für mich spielt Neigung nach wie vor eine wichtige Rolle bei der Entscheidung für ein Jurastudium. Wenn man dieser Neigung folgt, ergibt sich hinterher auch die Chance auf einen Berufseintritt.

Wo sehen Sie in Zukunft die großen Herausforderungen für Juristen?
Es gibt eine immer stärkere Ausrichtung auf internationales Recht und Europarecht. Man kann heute ohne Grundwissen über Abläufe, Gesetzgebung, Verträge und Institutionen der Europäischen Union eigentlich gar nicht mehr arbeiten, weil das Europarecht mittlerweile auf fast alle Bereiche hier in Deutschland durchstrahlt.

Welche Rolle wird das Internet als Rechtsbereich der Zukunft spielen?
Das Internet prägt schon heute alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Dadurch muss der Datenschutz völlig anders definiert werden. Auch bei Fragen rund um Verträge, Mängel oder Widerruf gibt es durch das Internet ganz andere Entwicklungen. Wir passen das nationale Recht permanent an die neuen Herausforderungen an, etwa mit einer speziellen Regelung gegen Kostenfallen im Internet. Durch die globale Vernetzung stellen sich aber noch viele weitere Fragen, die grenzübergreifend eine Rolle spielen. Binationale Ehen wirken sich beispielsweise auf das Familien- und Unterhaltsrecht aus, auf Fragen rund um Scheidung und Trennung, auch aufs Erbrecht. All das sind Herausforderungen für europäische Juristen.

Halten Sie es für vertretbar, dass das lange Jurastudium am Ende nur aufgrund des Staatsexamens bewertet wird?
Ich bin offen für Veränderungen, aber ich glaube, dass sich die juristischen Staatsexamina bewährt haben. Natürlich ist das eine große Herausforderung, gerade psychisch. Aber diese Herausforderung bereitet auf das Berufsleben vor. Da müssen Sie dann auch zu einem bestimmten Zeitpunkt absolut präsent sein.

Nicht jeder fühlt sich nach der Uni reif fürs Berufsleben. Wie war das bei Ihnen, als Sie nach dem Studium beim Deutschen Patentamt angefangen haben?
Immerhin habe ich im Studium das Handwerkszeug gelernt. Aber eigentlich habe ich erst im Beruf begonnen, mich in einen bestimmten Rechtsbereich vertieft einzuarbeiten. In meinem Fall war das der gewerbliche Rechtsschutz und das geistige Eigentum, was gar nicht Bestandteil meines Studiums gewesen war. Aber es ist mir gelungen, mich schnell einzuarbeiten, weil ich im Studium die analytischen Fähigkeiten erlernt hatte. Ich bin ohnehin dafür, den Jurastudenten nicht zu viel Detailwissen zu vermitteln. Durch die globale Vernetzung gibt es ständig neue Entwicklungen, die Einflüsse anderer Rechtsordnungen und Rechtskulturen nehmen zu. Da ist vor allem die Grundfähigkeit wichtig, sich auch in neue Rechtsbereiche schnell einfinden zu können. Auch Rhetorik ist unverzichtbar. Gespräche führen, analysieren – solche Schlüsselqualifikationen sind heute viel wichtiger als noch vor dreißig oder vierzig Jahren.

Warum sitzen im Deutschen Bundestag überdurchschnittlich viele Juristen?
Als Jurist ist man am gesellschaftlichen Puls – und damit im politischen Kernbereich. Außerdem hat man als Richter, Anwalt oder Beamter die Möglichkeit, für die Ausübung eines Mandats beurlaubt zu werden und hinterher auch wieder in den alten Beruf zurückzukehren. Das sind sehr gute Rahmenbedingungen.

War das auch der Grund, weshalb Sie den Weg in die Politik gewählt haben?
Ich komme aus einem politischen Elternhaus, war schon immer politisch interessiert, aber ich hatte eigentlich nie die Absicht, Berufspolitikerin zu werden. Dass ich mich für ein Bundestagsmandat beworben habe, kam eher zufällig. Derjenige, der 1987 in meinem Wahlkreis kandidieren wollte, musste aus persönlichen Gründen kurzfristig absagen. Und da haben die anderen gesagt: Mach du das doch! So kam ich zu meinem Listenplatz. Meine erste Kandidatur galt eigentlich als aussichtslos, aber durch die deutsche Einheit hat die FDP am Ende so gut abgeschnitten, dass ich in den Bundestag kam.

Kann es also sogar von Vorteil sein, die Karriere nicht zu genau zu planen?
Ja, das ist eine der Lehren, die ich daraus für mich gezogen habe. Es ist wichtig, sich zu engagieren, Zielstrebigkeit ist gut. Aber man sollte sich zu Beginn bloß niemals eine Schablone machen, was man am Ende alles erreichen will. Weil das nie klappen wird. Wenn sich Chancen bieten, sollte man sie nutzen, das ist doch selbstverständlich – dann muss man zupacken. So war das bei mir 1992, als ich die Chance bekam, zum ersten Mal Ministerin zu werden. Aber so etwas von vornherein zu planen bringt nicht den Erfolg.

Wenn Sie noch einmal entscheiden könnten: Würden Sie wieder Jura studieren?
Ja. Aber ich würde mich vom ersten Tag meines Studiums an mehr mit Sprachen befassen, um Englisch wirklich fließend im Reden und im Schreiben zu beherrschen. So gut, dass ich auch vor einem englischsprachigen Gericht ohne Übersetzung auftreten und in Brüssel Dokumente so schnell querlesen und verstehen könnte wie im Deutschen. Ich würde auch eine zweite Fremdsprache, wahrscheinlich Französisch, dazunehmen und mich von Anfang an viel stärker auf die Rechtsbereiche konzentrieren, die über das Nationale hinausgehen.


 Mediadaten FREISCHUSS
 



Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
, 60, studierte nach dem Abitur Rechtswissenschaften in Göttingen und Bielefeld. Von 1979 bis 1990 arbeitete sie am Deutschen Patentamt in München. Seit 1990 ist sie Mitglied des Bundestags, nur zwei Jahre später wurde sie zum ersten Mal Bundesjustizministerin, damals unter Bundeskanzler Helmut Kohl. Nach der Bundestagswahl 2009 wurde sie erneut zur Ministerin berufen, diesmal in die Regierung von Kanzlerin Angela Merkel. Außerdem ist sie Mitglied im Ausschuss für Recht und Menschenrechte der Parlamentarischen Versammlung des Europarates.




Sophia Heckschen, 22, stammt aus Dresden und studiert im 8. Semester Jura an der Berliner Humboldt-Universität. Sie entschied sich aus ähnlichen Gründen wie die Ministerin fürs Jurastudium: „Man lernt strukturiert zu denken und kann später auf unterschiedlichsten Berufsfeldern arbeiten.“ Eine Tätigkeit in der Politik steht für Sophia nicht zur Debatte, eher schon ein klassischer juristischer Beruf wie das Richteramt. Vom Gespräch mit der Ministerin war sie angetan: „Obwohl sie einen vollen Terminkalender hatte, war sie während des Gesprächs sehr konzentriert. Das hat mir gefallen.“