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| Das Gesetz … der Serie |
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Der Zufall ist ein angenehmer Zeitgenosse, schützt er doch vor Erklärungsnot. Nimmt der Chirurg statt der Mandeln beide Nieren des Patienten raus, spricht er zuweilen vom „unglücklichen Zufall“, wahlweise auch von der „Verkettung unglücklicher Zufälle“ innerhalb des Ärzteteams.
"Dumm gelaufen ..." Mit anderen Worten: „Dumm gelaufen, aber ich kann nichts dafür – höchstens alle und damit irgendwie ja keiner.“ Punkt. Die Sache ist erledigt. Weitere Begründungen, gar ein Schuldeingeständnis sind überflüssig.
Über den Zufall Der Zufall ist ja gerade deshalb ein so angenehmer Zeitgenosse, weil er allein ob der Tatsache, dass er nicht begründet werden kann, gar nicht erst begründet werden muss. Problematisch wird es erst, wenn der Zufall kein Einzelfall mehr ist.
Wiederholungen Nimmt derselbe Chirurg beim nächsten Mal statt der Polypen das Gehirn raus – und sei es noch so zufällig –, kommt es quasi zu einer Wiederholung des Zufalls. Resultat: Der Zufall verliert seine relativierende Wirkung, der Chirurg seinen Job.
Denn: Wiederholt sich der Zufall, wird die Ausnahme zur Regel. An dieser Stelle tritt das Gesetz der Serie in Kraft. Ein Gesetz, das keine Ausreden mehr zulässt. Ein unangenehmer Zeitgenosse, der jedem von uns schon begegnet ist.
Ein Beispiel Hier ein typisches Szenario, diesmal Student statt Chirurg: Montagmorgen, eine wichtige Vorlesung steht an, und Paul ist wieder einmal viel zu spät aus dem Bett gekrochen.
Wie es der Zufall wollte, war es am Abend doch später, waren aus einem Bier doch fünf geworden. Um den Kaltstart in den Tag zu beschleunigen, braucht Paul Kaffee. Viel Kaffee. Nur: Ausgerechnet heute ist das Pulver leer.
Welch unglücklicher Zufall aber auch! Paul ist spät dran. Mit dem Rad wird es heute zu knapp, also: Seife ins Gesicht, Zähne putzen, rein ins Auto und los. Nur: Was passiert an einem Tag, an dem sowieso schon alles schiefläuft, an dem sich unglücklicher Zufall an unglücklichen Zufall reiht?
Die Serie Natürlich: Alle Ampeln stehen auf Rot, an jeder Straßenecke tut sich aus dem Nichts eine Baustelle auf. Es herrscht Stillstand. Allein die Digitaluhr am Armaturenbrett will nicht ruhig stehen: Im Gegensatz zum Ampeltakt schaltet die Minutenanzeige in Hochgeschwindigkeit. Dann – endlich Grün!
Paul drückt aufs Gas, schließlich gilt es die verlorene Zeit aufzuholen. Nur dumm, dass es der Vordermann nicht eilig hat. Nach schier endloser Parkplatzsuche (wie es der Zufall wollte, tat sich ausgerechnet heute keine Lücke auf) betritt Paul schließlich viel zu spät den Hörsaal.
Als ihn der Professor vor versammeltem Publikum nach dem Grund seiner Verspätung fragt, weiß er: Er hat heute viel zu viele Zufälle erlebt, um noch glaubwürdig zu sein. Das Gesetz der Serie ist schon längst in Kraft getreten, lässt keine Ausreden mehr zu. Erschlagen von der Wucht des seriellen Zufalls schleicht Paul wortlos und verschämt in die hinterste Sitzreihe.
Das Gesetz Vereinfacht ausgedrückt, funktioniert das Gesetz der Serie also nach dem folgenden Prinzip: Wenn es ohnehin nicht gut läuft, wird es meist nicht besser, sondern noch viel schlimmer. Und gerade die schlimmen Vorfälle sind es nun einmal, die sich gemäß jenem Gesetz wiederholen, die stets in Serie auftreten. Zumindest in unserer Wahrnehmung.
Der Flugzeugabsturz Bestes Beispiel: der Flugzeugabsturz. Wenn ein Flugzeug vom Himmel fällt, löst dies ein großes Medienecho aus, und die Fluggesellschaft spricht, klar, von einer „Verkettung unglücklicher Zufälle“. Und gerade jene „unglücklichen“ Umstände sind es, die uns betroffen machen.
Selektive Wahrnehmung Doch es passiert noch etwas anderes: Unsere Aufmerksamkeit für Flugzeugunglücke ist jetzt geweckt, unsere Wahrnehmung für solche Katastrophen von nun an geschärft. Die Konsequenz: Geschieht in der Folgezeit ein weiteres Flugzeugunglück – und sei es der Absturz einer winzigen Propellermaschine im hintersten Wüstengebiet –, dann ist unsere Wahrnehmung plötzlich eine völlig andere.
Es scheint uns nun so, als werde der Ausnahmefall, der vor Kurzem noch so zufällig erschien, mit einem Mal zur Regel. Das Gesetz der Serie hat den Zufall geradezu eliminiert: Unser Vertrauen in die Fluggesellschaften sinkt rapide, eine öffentliche Grundsatzdebatte über mangelnde Flugsicherheit setzt ein.
Und wir merken nicht, dass uns die Medien ebenso wie unsere eigene Wahrnehmung einen Streich spielen. Während Fernsehen und Zeitungen nämlich genau wegen des seriellen Werts des Unglücks berichten, nehmen wir die Nachricht nur deshalb so stark wahr, weil unsere Aufmerksamkeit für Flugzeugunglücke seit Absturz Nummer eins geschärft ist. Hätte es nämlich jenes erste Unglück nicht gegeben, dann hätte niemand vom zweiten Unglück überhaupt erfahren.
Die Suche nach dem Sinn Und dennoch: Das Gesetz der Serie erfüllt durchaus einen Zweck. Es erleichtert uns das Leben. Ein Leben voller Normen und Regeln, in das der Zufall nicht so recht hineinpassen will. Erst wenn sich der Zufall schließlich wiederholt hat, wird er in unserer Wahrnehmung zu einer Regelmäßigkeit. Er wird fassbar, und plötzlich können wir uns damit anfreunden.
Der Zufall verliert an Schrecken, und wir glauben, einen tieferen Sinn hinter den Dingen zu erkennen. Dass wir uns selbst täuschen, das nehmen wir dabei dankend in Kauf. Natürlich entfaltet das Gesetz der Serie auch im ausschließlich positiven Sinne und abseits von jedem Unglücksfall seine Wirkungskraft.
Ein Sommermärchen Man erinnere sich nur an den vergangenen Weltmeisterschaftssommer und den dazugehörigen Soundtrack: 54, 74, 90, 2006. Die Aussage des Liedes war ganz unmissverständlich: Wir werden Weltmeister, denn das Gesetz der Serie ist auf unserer Seite! Dass hinter der vermeintlich logischen Jahresabfolge überhaupt keine Logik, keinerlei Systematik stand, das war dem Fan indes vollkommen egal.
In einer Zeit, in der man den Gewinn der Weltmeisterschaft höchstens in der Hand des Zufalls wähnte, setzten wir alle unsere Hoffnungen allein auf das Gesetz der Serie. Und die Realität schien uns zunächst sogar zu bestätigen: War der erste Sieg noch von Zufällen geprägt, wurde der Zufall spätestens nach dem dritten Sieg zur Regel. Das Siegen war plötzlich wieder logisches Ergebnis des Spiels.
Erst als das Gesetz der Serie am Ende dann doch nicht in Form des WM-Titels in Kraft trat, suchte man die Ursachen für das Scheitern wieder im Zufall. Und aus 54, 74, 90, 2006 wird nun kurzerhand 54, 74, 90, 2010.
Anders ausgedrückt: Das Gesetz der Serie bewegt sich im rechtsfreien Raum.
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