 |

| Das Gesetz … |
 |
Gesetze umgeben uns, sie definieren unseren Handlungsspielraum. Man kann sie brechen oder umgehen – wenn man sich traut. Einige Gesetze stehen in keinem Buch, und doch gelten sie. In jeder freischuss-Ausgabe behandeln wir eines davon. Heute: das Gesetz … der Fairness.
 Fairness liegt im Trend. Im Sport wie im echten Leben. Wir trinken fair gehandelten Kaffee und kaufen Klamotten, die unter fairen Arbeitsbedingungen produziert werden. Fairsein ist wie Joggengehen, die Folgen sind immer positiv: Es kostet zuweilen Überwindung, aber danach fühlt man sich so richtig gut. Kurzum: Fairness macht glücklich. Und für dieses Glücksgefühl zahlen wir an der Kaffeebar gern 50 Cent mehr.
Doch jeder Trend hat einen Gegentrend. Auch die Gegner der Fairness sind rasch ausgemacht: die List, der Bluff, der Betrug. Alle drei unterliegen einer ewigen Entwicklung, die so alt ist wie die Menschheit: der Neigung zum Egoismus. Wie lohnend List, Bluff und Betrug sein können, das zeigt der Sport wie ein Spiegelbild des echten Lebens. Wer stets fair spielt, gewinnt am Ende der Spielzeit den Fairplay-Pokal; den Meisterpokal nimmt dagegen eher derjenige in Empfang, der die Spielregeln geschickt zu umgehen weiß.
Jan Ullrich gewann die Tour de France vermutlich nur deshalb, weil er neben dem Sieger-Gen auch verbotene Medikamente im Blut hatte. Argentiniens Fußballer wurden einst Weltmeister, weil Diego Maradona auf listige und eben unfaire Weise ein Tor mit der Hand erzielte. Dass Maradona anschließend von der „Hand Gottes“ sprach, ist kein Beleg für einen höheren Sinn, der dem Gesetz der Fairness innewohnt. Es ist vielmehr der menschliche Ausdruck eines ungeschriebenen Leitsatzes, der das Gesetz der Fairness bisweilen ad absurdum führt. Jener Leitsatz lautet: Fair ist, was mir einen Vorteil bringt.
Kehren wir nun vom Sport zurück ins Leben außerhalb des Stadions, können wir die geschriebenen Gesetze als Spielregeln des echten Lebens bezeichnen Und weil der Gerichtssaal als Ort des Gesetzes schlechthin gilt, finden wir uns unmittelbar auf juristischem Parkett wieder. Aber dummerweise gilt auch hier: Ein guter Anwalt ist vor allem derjenige, der das Gesetz zu umgehen oder geschickt zu interpretieren weiß. Ein guter Anwalt findet immer einen Weg, das Gesetz zum Vorteil des Mandanten und somit zum eigenen Vorteil zu nutzen. Denn im Gerichtssaal gibt es zwar keinen Pokal zu gewinnen, aber immerhin einen Prozess. Welches Dilemma sich daraus ergibt, ist offensichtlich: Ausgerechnet die selbst ernannten Vertreter des Gesetzes vertreiben den Geist der Fairness, und jedes Gesetz verliert dadurch an Wert. Was bleibt, ist die bittere Erkenntnis, dass Fairness stets eine Frage der Perspektive ist. Konkret: eine Frage der eigenen Perspektive.
Ein Wiener Komponist sagte einst, Fairness sei die Kunst, sich in den Haaren zu liegen, ohne die Frisur des anderen zu zerstören. Ein schöner Vergleich, doch irgendwie auch zu harmlos, wenn man bedenkt, dass ein gepflegter Scheitel zwar auch vor Gericht Eindruck machen kann, es aber für den Ausgang des Prozesses eher irrelevant ist, ob man die Haare schön hat. Bei der Kunst der Fairness geht es vielmehr um die Schönheit der Seele, um die Reinheit des Gewissens. Denn schon die Philosophen der Antike wussten: Wenn die Sitte abhandenkommt, hilft kein Gesetz der Welt mehr. Wie also finden wir dorthin zurück, wo das Gesetz der Fairness jedes geschriebene Gesetz übertrifft? Vielleicht sollten wir uns ein Beispiel an der Tierwelt nehmen. Wenn ein Steinbock sieht, dass sein Gegner noch nicht kampfbereit ist, wartet er, statt den Vorteil zu nutzen. Wenn ein Bonobo-Affe auch nur eine einzige Nuss findet, teilt er diese stets mit seinen Artgenossen. Der Mensch handelt derweil schon in früher Kindheit ganz anders. Wenn ein Siebenjähriger eine Tafel Schokolade geschenkt bekommt, wird er eher ungern etwas an die Spielkameraden abgeben. Und auch in der Welt der Erwachsenen beklagt sich der Staat über jene Steuerzahler, die – ohne Sinn für soziale Fairness – im Gesetz nach Lücken suchen und möglichst viel Geld für sich selbst abzweigen. Sogar im Spiel suchen wir nach Mitteln und Wegen, um unsere Gegner gezielt aufs Glatteis zu führen. Das Pokerspiel ist da sicher nicht das einzige, aber gewiss das beste Beispiel. Besteht doch der Sinn dieses Kartenspiels allein darin, möglichst gut zu bluffen, um den Mitspielern listigerweise das Geld abzuknöpfen.
Beim Poker hat sich ein Werkzeug des Bluffs seit jeher etabliert: die Sonnenbrille. Tiefschwarz und verspiegelt – damit der Blick nicht verrät, wenn ein Spieler den Gegner absichtlich in die Irre führt. Denn wer möchte schon dabei beobachtet werden, das ehrenhafte Gesetz der Fairness derart unehrenhaft zu brechen, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen? Diese Maskerade lässt sich auch im echten Leben beobachten. Denn: Kein Mensch rühmt sich öffentlich des Steuerbetrugs, stattdessen setzt er dem schlechten Gewissen quasi die Sonnenbrille auf und verbirgt das unfaire Handeln, indem er den Betrug schlicht verschweigt. Handeln wir dagegen fair, ist es genau umgekehrt: Dann fordern wir geradezu vehement Beifall für unsere Fairness. Denn wenn Fairness schon keinen Profit abwirft, so finden wir, soll der Nutzen zumindest darin bestehen, Anerkennung für unser faires Handeln zu ernten. Also rühmen wir uns damit, nur den fair gehandelten Kaffee zu trinken, und tragen die fair produzierten Kleider demonstrativ zur Schau.
All das zeigt deutlich: In den Augen des Menschen ist das Gesetz der Fairness eine höchst ambivalente Regel. Kein Wunder also, dass es immer stärker aus dem realen Leben in die Sphäre des Sports gedrängt wird. Zumindest vordergründig ist das Gesetz der Fairness dort sehr viel präsenter: „My Game is Fair Play“ lautet der Slogan des Fußball-Weltverbands FIFA. Und leicht abgewandelt, aber mit deutlich gewollterem Sprachwitz, hieß es vor ein paar Jahren in der Bundesliga noch: „Fair geht vor“.
Wahrscheinlich liegt also gerade in der Utopie einer absolut fairen Realität die Faszination des Menschen für den Sport. Dort, so scheint es zumindest, ist die Fairness noch eine Tugend. Dass die Wahrheit anders aussieht, dass auch dort sportlicher wie finanzieller Erfolg längst wichtiger sind als die Fairness, blenden wir gern aus. Immerhin wird der faire Verlierer im Sport letztlich belohnt – wenn auch nur mit dem Fairplay-Pokal.
|
 |