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Die stille Revolution
– Wie das Hochschulfinanzierungsgerechtigkeitsgesetz1 Wirkung entfaltet

Es tut sich was im Bonner Juridicum2, und es fing mit was ganz Unscheinbarem an. Im neuen Semester be-grüßte die Studenten ein frischer Wandanstrich, wobei die gewählte Farbgestaltung eher an Altbekanntes erinnerte und daher nur allzu leicht übersehen werden konnte. Sodann folgten fabrikneue Glaskästen, welche endlich ausreichend Platz für die unterschiedlichsten Mittelungen bieten, selbst für diejenigen unserer lieben Nachbarn, der Volkswirtschaftler.
Der aufmerksame Student konnte schon erahnen, dass sich da eine stille Revolution ankündigt. Diese ist wohl auch auf die zusätzlichen finanziellen Mittel zurückzuführen, welche dem Fachbereich nun durch die Studien-beiträge zur Verfügung stehen.

Doch kann es möglich sein, dass es schon viel früher losging? Bereits im April letzten Jahres wurden die Öffnungszeiten der Seminarbibliothek3 verlängert. Sie kann jetzt auch am Wochenende benutzt werden, sonntags allerdings erst ab 13 Uhr. Böse Zungen behaupten, es handle sich hierbei um die durchschnittliche Aufstehzeit von Studenten an arbeitsfreien Tagen. Dem muss hier entschieden widersprochen werden. Es kann sich nur um eine einvernehmliche Absprache mit den Kirchen handeln, die auf einen Kompromiss bezüglich der Einschränkung der Sonntagsarbeit hinausläuft. Ora et labora!

Doch zurück zum Seminar. Auch an diejenigen Studenten wurde gedacht, die zwar mit festen Lernvorsätzen und üppiger elektronischer Ausstattung ihren Platz morgens im Seminar fanden, wegen der nur mittelmäßig gepolsterten Stühle dennoch schon bald ihren reservierten Tisch verlassen mussten, um mit anderen Kommilitonen entlastende Spaziergänge zu unternehmen oder mit Nikotin ihre Schmerzen zu lindern suchten. Nach aufwendigem Probesitzen wurde eine komplett neue Bestuhlung angeschafft und die Tischplatten ausgetauscht. Hier wird aber ebenfalls nur derjenige davon etwas merken können, der dem Seminar mehr als nur einen flüchtigen Besuch abstattet, denn Farbe und Form wurden beibehalten. Keine Experimente!

So kann man letztendlich davon sprechen, dass die Seminarbibliothek eine komplette Renovierung hinter sich hat. Doch die Konkurrenz schläft nicht. Auch die Öffnungszeiten der verschiedenen Institutsbibliotheken sollen demnächst vereinheitlicht werden, damit keiner mehr vor verschlossenen Türen zu stehen braucht. Dazu werden zusätzliche Hilfskräfte eingestellt, nicht selten Studenten. So schließt sich der Wirtschaftskreislauf! Mancher älterer Student reibt sich verwundert die Augen und ist bisweilen auch etwas betrübt, dass er solch herrliche Zeiten vermeintlich nur noch im begrenzten Umfang genießen kann. Doch auch an diejenigen wurde gedacht, die sich in der Schlussphase befinden, sozusagen zum letzten Sprint ansetzen. Daher betrifft vielleicht die wichtigste Neuerung das Examensrepetitorium und den ergänzend dazu stattfindenden Klausurenkurs. Weil das Korrigieren der schriftlichen Aufsichtsarbeiten nun besser entlohnt wird, hofft man darauf, dass sich zukünftig mehr Freiwillige melden werden. Der Vorteil für den Studenten ist klar ersichtlich. Er bekommt seine korrigierte Arbeit schneller zurück und kann sich wahrscheinlich dann noch an Einzelheiten des Falles erinnern, was wiederrum den Lerneffekt deutlich steigert.
Vertrauliche Quellen berichten allerdings von einer wirklichen Sensation. Nach jahr-zehntelanger pflichtgemäßer Diensterfüllung sollen die meisten Schließfächer in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet werden. Darunter Exemplare, die – gemessen am Grad ihrer Beschädigung – schon längst als dienstunfähig hätten gelten müssen. Es bleibt zu hoffen, dass sich damit das lästige Problem der Schließfachbesetzer ebenfalls von selbst erledigen wird. In einigen Fällen hatte man beizeiten den Eindruck, dass diverse Fächer ein scheinbar unglaubliches Fassungsvermögen aufweisen und eindeutig speziell darauf zugeschnitten sind Sachen einzulagern, für die der eigene Keller keinen Platz bietet. Das jedoch ein Kommilitone wegen eines kompromisslosen Vermieters vorübergehend seine Fledermauszucht in ein solches Fach ausgelagert hatte, halte ich für ein Gerücht. Die neuen Schließfächer sollen mit einer elektronischen Schlüsselkarte geöffnet werden und daher diebstahlsicher sein.

Es bleibt also festzuhalten, dass die eingeschlagene Richtung stimmt. Die Qualität steigt, die Lernfreude und Motivation der Studierenden ebenfalls. Jetzt sind diejenigen am Zuge, welche von solchen verbesserten Studienbedingungen am meisten profitieren, nämlich wir selbst. Behandeln wir diese erneuerten Sachen mit derjenigen Sorgfalt, welche wir an den Tag legen, wenn wir mit unserem privaten Eigentum umgehen. Vielleicht steckt ja gerade dein Studienbeitrag in einem neuen Stuhl oder Schließfach.

Gregor Wiescholek, Universität Bonn

1 Gesetz zur Sicherung der Finanzierungsgerechtigkeit im Hochschulwesen (HFFG).
2 http://www.jura.uni-bonn.de/
3 http://jursem.jura.uni-bonn.de/


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