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Typisch Jurist

Bereits im Studium kommt es immer wieder dazu. Die eigentlich völlig harmlose Frage „Und was genau studierst du denn?“ führt unausweichlich zu einer katastrophalen Entwicklung einer jeden Party. Antwortet man kurz und präzise „Jura“ hat man den Ball ins Rollen gebracht. Sofort wird man mit einer Vielzahl von Vorurteilen konfrontiert, die man den Rest des Abends korrigieren oder widerlegen muss. Wenn man gut davon kommen will, sollte man einfach die Flucht ergreifen oder einfach behaupten man wäre Flugbegleiter/in. Schließlich darf man bei Vorstellungsgesprächen auch lügen, wenn die Frage unzulässig ist. Nur dass hier nicht die Frage das Problem ist, sondern das Bild in den Köpfen der anderen.

Eigentlich denken 90 % der Bevölkerung, dass Jurastudenten Gesetze auswendig lernen. Die anderen 10 % haben ein ähnlich ver-rücktes Bild, die sind nämlich der festen Überzeugung, dass jeder Jurastudent das Kind eines erfolgreichen Anwalts ist, das natürlich die enorm ertragsreiche Kanzlei des Vaters übernehmen soll. Jedenfalls kommt niemand auf die Idee, dass ein paar Menschen auf dieser Welt aus freiem Willen Jura studieren und dies auch nicht tun um später völlig demoralisierte Millionäre zu werden und im Gerichtssaal dauernd ein galantes „Einspruch“ in den Saal zu werfen. Das würde ohnehin eher in eine amerikanische Anwaltsserie passen als in ein deutsches Gericht.

Viele behaupten, Anwälte seien unmoralisch, geldgierig und wollen immer nur um jeden Preis ihren Fall gewinnen, völlig gleichgültig, ob wieder ein Wiederholungstäter ohne gerechte Strafe davon kommt. Das Bild in der Öffentlichkeit ist eher geprägt von Ally McBeal als von Rolf Bossi, eher vom Fernsehanwalt und Celebritylawyer als vom unglamourösen Anwalt um die Ecke, der einmal in der Woche zum Gericht fährt und dies womöglich noch nicht einmal im Porsche.

Um ein für allemal mit all diesen Vorurteilen abzurechnen bleibt nur Folgendes zu sagen, Juristen lernen während ihres Studiums keine Gesetze auswendig. Sie lernen eine Argumentationswissenschaft und verwenden diese Erkenntnisse immer noch ganz überwiegend um Rechtsstreite zu führen. Juristen sind spezialisiert für das Allgemeine. Überwiegend wählen die Volljuristen allerdings immer noch den Anwaltsberuf, obwohl ihre im Studium erlernten Soft Skills sie durchaus auch für andere Bereiche qualifizieren.

Das Jurastudium befähigt in hohem Maße zum routinierten Schreiben und Lesen. Man lernt eine klare und stringente Sprachführung. Nach und nach baut man eine logisch strukturierte Gedankengenauigkeit auf, bei der Wichtiges von Unwichtigem getrennt ist. Ein Rechtsanwender strukturiert Rechtsprobleme und analysiert Lebenssachverhalte. Um einen juristischen Fall zu lösen, findet auch eine Interessenabwägung statt. Kollidierende Rechtsgüter werden zum Ausgleich gebracht.

Das Einzige was wirklich typisch für Juristen ist, ist es, immer noch ganz überwiegend den Anwaltsberuf zu ergreifen. Trotz mäßiger Jobaussichten werden 80% der Nachwuchsjuristen Rechtsanwalt. Doch das rechtswissenschaftliche Studium vermittelt neben den Kenntnissen des materiellen Rechts auch allgemein berufsbefähigende Soft Skills. Juristen können recherchieren, Falllösungen strukturieren, analytisch denken, abstrahieren und präzise mit Sprache umgehen wie es kaum andere Akademiker können.

Typischerweise sind Juristen, d. h. überwiegend Anwälte ganz umgängliche und gesellige Menschen, die viel mehr können als sich auf Honorarbasis mit anderen zu streiten um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen.

Britta Odendahl, Köln (09.08.2008)


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