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Klischee und Realität – Das Musical „Brats!“
der Universität Viadrina

Judas ist ein Jurist, wie er im Buche steht. Langweilig, humorlos, besserwisserisch. Der Anzug sitzt perfekt, den Seitenscheitel hat er gerade nachgezogen. Der Ort, an dem man ihn eigentlich immer antrifft: Die Bibliothek. Judas ist das lebendig gewordene Vorurteil, welches sich an vielen Universitäten gegenüber Juristen hartnäckig hält. Und Judas ist gleichzeitig einer der Hauptdarsteller des Musicals „Brats!“, welches Studenten der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) auf die Beine gestellt haben. Auch die anderen beiden Fakultäten der Uni haben hier ihre Repräsentanten, die den Klischees voll gerecht werden: Cornelius, der faule und verträumte Kulturwissenschaftler, und Jens, der egoistische und habgierige Wirtschaftswissenschaftler.

Die Story ist denkbar simpel. Jacek ist neu an der Uni und hat sich noch nicht entschieden, welches Fach er wählen möchte. Also nimmt er die drei Fakultäten und ihre Vertreter einmal ganz genau unter die Lupe. Judas, Cornelius und Jens buhlen natürlich um die Gunst des jungen Mannes und lassen keine Gelegenheit ungenutzt, um die anderen schlecht zu machen und das eigene Fach ins beste Licht zu rücken. Der Konflikt wird schließlich auf die Spitze getrieben, als sich die drei in das gleiche Mädchen verlieben: Judita, eine Juristin. Cornelius versucht sein Glück mit selbstgeschriebenen Gedichten, während Jens auf teuren Schmuck setzt. Judas findet dagegen, dass eigentlich nur er als Jurist auch zu einer Juristin passt.

In witzigen Dialogen und zahlreichen Liedern, die von Acapella über Big Band bis Gospel reichen, spielen die Darsteller mit den gängigen Klischees. Da wären zunächst die Kulturwissenschaftler, die erst mittags aufstehen, den ganzen Tag faul in der Sonne liegen und sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Ihre Lieblingsbeschäftigung: über das Leben philosophieren. Wiwis können darüber nur den Kopf schütteln. Jens` Kommentar lautet daher: „Jesus hätte bestimmt auch Kuwi studiert. Er hatte lange Haare, wohnte bis er 30 war immer noch bei seinen Eltern und wenn er mal was gemacht hat, war`s ein Wunder.“

Aber auch die Wiwis müssen sich natürlich einiges anhören. Machtbesessen und arrogant seien sie. Und außerdem so geldgierig, dass sie sogar „ihre eigene Oma verkaufen würden, um dafür Payback-Punkte zu kassieren“. Auf teure Markenkleidung legen Wiwis demnach genauso viel wert wie auf eine gut geplante Karriere, schließlich wollen sie ja später einmal die Welt regieren. Jens ist überzeugt: „Die wahre Elite ist BWL ganz allein.“

Und schließlich wären da die Juristen. Die Bibliothek sei ihr zweites Zuhause, die Bücher ihre einzigen Freunde und ihr liebstes Hobby das Auswendiglernen von Paragraphen. Sie würden rein pragmatisch denken, seien konservativ und ihre Perspektive sei engstirnig und in sich geschlossen. Zweifel an ihrer Meinung würden sie gar nicht erst zulassen, ihr Weltbild sei unumstößlich. Der typische Jurist gilt als kleinkariert und haarspalterisch.

„Wahre Manager haben für jedes Problem eine Lösung, richtige Juristen haben für jede Lösung ein Problem“, soll der Dichter und Publizist Jean Paul gesagt haben und bringt damit wohl den Unterschied zwischen Wiwis und Juristen auf den Punkt. Und mit den kreativen, romantischen Kuwis scheinen die analytisch-denkenden, gefühlsarmen Juristen noch viel weniger gemeinsam zu haben. Dazu kommt, dass die meisten Jura-Studenten das Fach doch wohl nur aus Verlegenheit studieren, weil es keine bessere Alternative gab oder die Eltern sich einen Juristen in der Familie gewünscht haben. Während man für BWL Mathe können muss, reicht für Jura schließlich gesunder Menschenverstand. Oder?

Trotz aller Unterschiede gibt es natürlich ein Happy-End auf der Bühne. Das Rätselraten um die Frage, für welchen der drei jungen Männer Judita sich entscheidet, findet ein jähes Ende, als sie unverblümt erklärt, dass sie sich gar nicht für Männer interessiere. Und wo sich drei streiten, freut sich die vierte. So macht in diesem Fall ganz überraschend eine blonde BWL-Studentin das Rennen um Judita. Mit dieser Lösung können schließlich alle drei Streithähne leben und jeder sein Gesicht wahren.

Dass viele der aufgezeigten Vorurteile durchaus einen wahren Kern haben, lässt sich auf dem Campus tagtäglich beobachten. Wer sich einmal beim Mittagessen in der Mensa umschaut, kann oft schon am Kleidungsstil eine einigermaßen verlässliche Aussage über die Fakultätszugehörigkeit treffen. Aber die Bestätigung eines Klischees sorgt eher für ein schmunzelndes „Aha, wusste ich es doch“, als für Distanziertheit oder gar Ablehnung. Auch hat die erfolgreiche fakultätsübergreifende Zusammenarbeit im Rahmen des Musicals gezeigt, dass die Studenten mit ihren unterschiedlichen Neigungen, Interessen und Begabungen sich prima ergänzen. Das gemeinsame Ziel stand stets im Vordergrund. Angefangen vom Schreiben des Drehbuchs und der Auswahl der Darsteller über die schauspielerischen, gesanglichen und tänzerischen Proben bis hin zu Finanzierung und Pressearbeit lag alles in der Hand der Studenten. Von der Professionalität, die die Studenten hierbei an den Tag gelegt haben, waren auch die Zuschauer begeistert. Der Ansturm war so groß, dass es sogar eine Zusatzvorstellung gab.

Das Projekt versinnbildlicht damit auch das Selbstverständnis der Viadrina, an der Studierende aus 76 Nationen eingeschrieben sind und ein Drittel aller Studenten aus Polen kommt. Gerade weil sie zu den kleineren Universitäten gehört, herrscht eine fast schon familiäre Atmosphäre. Und spätestens dann, wenn wieder einmal eine Studenten-Fete ansteht, verlässt sogar der Jurist die Bibliothek, der Kuwi seine Blumenwiese und der Wiwi sein schickes Cabrio. Denn feiern können sie alle, egal welcher Fakultät sie angehören.

Julia Hagenkötter, Europa-Universität Viadrina


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